Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Foto: Wagner/dpa

Bremen

Vor 10 Jahren starb Kevin: Der Tod des Jungen aus Bremen schockierte ganz Deutschland

Von nord24
10. Oktober 2016 // 10:00

Kevin wäre heute fast ein Teenager. Doch der kleine Junge aus dem tristen und grauen Bremer Stadtteil Gröpelingen wurde gerade einmal zwei Jahre alt. Sein Martyrium erschreckte vor zehn Jahren ganz Deutschland. Die Leiche des Kindes wurde eingerollt in Teppichstoff und Müllsäcke im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters entdeckt. Rückblick auf einen Fall, der das ganze land schockiert hat.

Eine Tragödie, die hätte verhindert werden können

Ein Rücktritt, Ermittlungen, ein Untersuchungsausschuss und zwei Prozesse brachten das unvorstellbare Leid und die Schmerzen des Jungen, aber auch ein schier unbegreifliches Versagen des Staates ans Licht. Zögerliches Handeln, falsches Vertrauen und Fehleinschätzungen ließen das nur kurze Leben des Kindes zur Hölle werden. Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis: Die Tragödie hätte verhindert werden können.

Mehrere Knochenbrüche und Verletzungen im Genitalbereich

Als Polizisten Kevin am 10. Oktober 2006 aus der Wohnung des Ziehvaters holen wollen, weist dieser den Beamten mit einer stummen Geste den Weg zum Kühlschrank. Als Kevin gefunden wurde, war er schon Monate tot. Was in den letzten Wochen seines Lebens geschah, bleibt im Dunkeln. Doch die Obduktion lässt die Qualen und Schmerzen erahnen. An der Leiche werden rund zwei Dutzend Knochenbrüche festgestellt, ältere an Armen und Beinen, ein Schädelbruch und Verletzungen im Genitalbereich. Kurz vor dem Tod entstanden weitere Brüche, unter anderem eine Durchtrennung des Oberschenkelknochens.
"Kevin könnte noch leben, wenn man gehandelt hätte", hatte der damalige Ausschuss bilanziert.

Kevins Vormund musste über 200 Kinder betreuen

Der Amtsvormund des Jungen musste damals 240 bis 270 Kinder betreuen. Der zuständige Sozialarbeiter verließ sich auf Angaben Dritter. Nach dem Tod der drogenabhängigen Mutter blieb der Junge bei seinem nicht leiblichen Vater, obwohl es Hinweise auf Missbrauch gab. Der Mann wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu zehn Jahren Haft und der Einweisung in eine Entziehungsanstalt verurteilt. Er soll nach Angaben einer Polizisten nach dem Leichenfund gesagt haben: "Das Jugendamt trifft keine Schuld, ich bin das Schwein."  
"Das Jugendamt trifft keine Schuld, ich bin das Schwein." (Ziehvater von Kevin)

Heute betreut ein Vormund weniger als 50 Kinder

Ein Amtsvormund betreut nach einer bundesweiten Reform der Vormundschaft 2011 nach Angaben eines Sprechers von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) heute weniger als 50 Kinder. Bremen hat nach der Tragödie immer wieder auf die Bedeutung des Kinderschutzes hingewiesen. Das Schicksal Kevins wurde in der Hansestadt für viele zum Alptraum. "Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass der Staat sie schützt", sagte der damalige Regierungschef Jens Böhrnsen.

"Der Fall Kevin hat viele aufgeweckt"

"Der Fall Kevin hat viele aufgeweckt", sagte der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. In vielen Städten und Kreisen habe der Fall zu einer verbesserten Personalausstattung in der Jugendhilfe geführt. Es habe zudem eine ganze Reihe von Gesetzesinitiativen gegeben: "Und zwar ist das Vormundschafts- und Betreuungsrecht geändert worden." Das sei im Juli 2011 in Kraft getreten. "Das hat zwar Jahre gedauert, bis sich die Politik dazu durchgerungen hat, aber der Fall Kevin war dafür sehr ausschlaggebend."

Chronologie des Falls Kevin

  • Januar 2004: Kevin kommt als Kind einer drogensüchtigen Mutter zur Welt.
  • November 2005: Die Mutter stirbt. Kevin kommt für drei Wochen in ein Kinderheim. Das Jugendamt wird zum ersten Vormund des Kindes. Eine Woche später kann Kevin wieder zum Vater.
  • Ende April/Mai 2006: Vermutlicher Todeszeitpunkt von Kevin.
  • 2. Oktober 2006: Ein Gericht beschließt, Kevin aus der Wohnung des Vaters abzuholen.
  • 10. Oktober 2006: Polizisten finden Kevin tot im Kühlschrank.
  • 31. Oktober 2006: Eine Dokumentation zu Fehlern der Behörden wird vorgestellt. Dabei wird erstmals bekannt, dass der festgenommene Drogensüchtige nicht Kevins leiblicher Vater ist.
  • 2. November 2006: Das Parlament der Hansestadt setzt einen Untersuchungsausschuss ein. Das Gremium kommt zu dem Schluss, dass die Sozialbehörden drastische Fehler gemacht haben.
  • 13. November 2006: Kevin wird in Bremen beigesetzt.
  • 5. Juni 2008: Das Landgericht Bremen verurteilt den Ziehvater wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen. Außerdem wird die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.
  • 25. August 2010: Das Landgericht stellt das zweite Verfahren um den Tod Kevins gegen den Amtsvormund ein. Der Mann muss eine Auflage von 5000 Euro an den Kinderschutzbund zahlen. Damit endet die juristische Aufarbeitung der Tragödie.

Kevin war ein blasses, schwaches, ruhiges Kind

Für den kleinen Kevin kam die Hilfe zu spät. Eine Erzieherin beschrieb den Jungen einmal als blasses, schwaches, ruhiges Kind, das auf seinen Unterarmen krabbelte. Ungewöhnlich an ihm war vor allem: "Er weinte lautlos." Auf dem Grabstein des Kindes steht schlicht: "Kevin 2006". (dpa)

Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Aktenberge und ein großer Medienauftrieb begleiten im Juni 2010 im Landgericht Bremen den Auftakt zur Hauptverhandlung des sogenannten "Verfahrens Kevin II".

Foto: Wagner/dpa

Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Ein Polizeisiegel klebt an der Eingangstür zur der Wohnung im Stadtteil Gröpelingen in Bremen, in der kurz zuvor die Leiche eines zweieinhalb Jahre alten Jungen gefunden wurde.

Foto: Wagner/dpa

Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Der Ziehvater von Kevin wird im Oktober 2007 von Gerichtsdienern in den Verhandlungssaal des Landgerichtes in Bremen geführt. Der drogenabhängige 42-Jährige muss sich hier wegen Totschlags gegen seinen Ziehsohn verantworten.

Foto: Wagner/dpa

Der Grabstein des im Alter von zweieinhalb Jahren verstorbenen Kevin steht auf dem Waller Friedhof in Bremen. Vor zehn Jahren wurde die Leiche des Jungen entdeckt und offenbarte ein unbegreifliches Versagen des Staates.

Sargträger während der Beerdigung des zweijährigen Kevin am 13. November 2006 auf dem Friedhof Walle in Bremen.

Foto: Wagner/dpa

Immer informiert via Messenger

Ist es die richtige Entscheidung, dass der Weihnachtsmarkt 2020 in Bremerhaven stattfinden darf?

1401 abgegebene Stimmen
Folge den Pinguins via Messenger