Das Team vom Freilichtmuseum Speckenbüttel ist zufrieden mit seiner Arbeit (von links): Hartmut Höpken, Henry Bremer, Dieter Bartusch und Uwe Münch.

Das Team vom Freilichtmuseum Speckenbüttel ist zufrieden mit seiner Arbeit (von links): Hartmut Höpken, Henry Bremer, Dieter Bartusch und Uwe Münch.

Foto: Tonn

Bremerhaven

Alte Kutsche erstrahlt in neuem Glanz

Von nord24
4. Dezember 2016 // 11:00

Kleine Ausfahrt gefällig? „Oben ohne“ stand der Landauer kürzlich bei seiner Präsentation bereit. Doch nicht nur die Kälte sprach dagegen, auch die beiden Holzpferde waren zum Ziehen nicht so geeignet. Trotzdem war die Freude über die restaurierte Kutsche groß. Selbst das Ehepaar Kothe, aus dessen Familienbesitz der Landauer stammt, war überrascht, was für ein Prachtstück nun in der Hosermühler Scheune am Marschenhaus im Freilichtmuseum Speckenbüttel präsentiert werden kann.

Eigentümer übergab den Landauer dem Freilichtmuseum

Als Kinder spielten wir häufig im alten Schafstall“, erinnerte sich Eggebert Kothe, der heute noch mit Ehefrau Simone auf Gut Schwegen bei Loxstedt lebt. „Die heruntergekommene Kutsche stand, von Hühnern und Schleiereulen als Wohnstatt benutzt, unbeachtet in einer Ecke.“ Der damalige Eigentümer Burkhard Kothe übergab das gute, aber ziemlich vergammelte Stück in den 1960er Jahren dem Freilichtmuseum. Ein ganz schön aufwendiges Unterfangen, denn ein Tieflader der Baustofffirma Kistner musste dazu eingesetzt werden.

Freiwillige starteten mit der Restaurierung

Burkhard Kothe, dem der Landauer viel bedeutete, wartete geduldig und mit Spannung auf eine Restaurierung. Schließlich war es seine Hochzeitskutsche, als er mit Meina Honnen 1953 sechspännig ins Eheglück gezogen wurde. Die Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten erlebte er nicht mehr, denn Ende 2014 verstarb er.Im selben Jahr beschloss eine Gruppe von Freiwilligen, die Arbeit an der Kutsche anzugehen. Nach gründlicher Reinigung kam zwar einiges Marodes zutage, doch der Entschluss war schnell gefasst, das ehemalige Prunkstück in altem Glanz wieder auferstehen zu lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung aus Win-Mitteln, von der Weser-Elbe-Sparkasse (Wespa) und von der Familie Kothe hätte das Museum die Arbeit nicht stemmen können.

Verzogenes Rad machte Schwierigkeiten

„Die Schwierigkeiten kommen erst, wenn man anfängt, zu arbeiten“, sagte Elektromeister Hartmut Höpken. Ihn hat fasziniert, was früher schon alles durchdacht wurde. „Ich finde, dass die Zeit wahnsinnig schnell vergangen ist. Heute fahren wir für 430 Euro um die Welt. Aber die Menschen sind nicht glücklicher“, findet Carmina Schemkes die für die Wespa das Ereignis miterlebte. Mühsam war die Reparatur eines völlig verzogenen Rades. Nachdem es jahrelang im Torf und Mist gestanden hatte, war es von Feuchtigkeit nur so zerfressen und das Eichenholz weggegammelt. Nur noch das halbe Rad Eisen war übrig geblieben. Zum Glück kam Hilfe – in Form von viel Arbeit und wenig Geld von einem befreundeten Stellmacher.

Echtes Luxusgefährt für 500 Reichsmark

Mit Henry Bremer zusammen wurden einzelne Felgensegmente eingesetzt und der Radlauf präpariert. Die Restaurateure hatten ganze Arbeit geleistet. Das Verdeck, ehemals von Mäusen bewohnt, fertigte eine Sattlerei neu aus schwarzem Glattleder an. In der Mitte ist es geteilt und klappbar, sodass es sich vom geschlossenen Wagen in ein Cabrio umwandeln lässt. Außerdem wurde die Polsterung der beiden Bänke mit vier gefederten Sitzplätzen in Auftrag gegeben. Man kann sich gut vorstellen, wie die Menschen damals vis-à-vis sitzend ihre Gesellschaftsfahrten genossen. Als Rudolph Honnen um 1900 herum die Kutsche von der Wittenberger Wagenfabrik für 500 Reichsmark in drei Wochen bauen ließ, war dieser Wunsch-Landauer eine echtes Luxusgefährt. Heute vergleichbar mit einem Luxusauto. Jetzt leuchten die Sitzbänke wieder im altbekannten Rot wie auch das Futter der Innentüren und der Wände.

Fotomotiv für Hochzeitspaare

„Meine Frau hat die Bordürenbänder zum Hochziehen der Scheiben genäht und aus dem restlichen Stoff die Kissen angefertigt“, erzählte der gelernte Starkstromelektriker Uwe Münch. „Was haben wir gesucht, um die Accessoires wie die Original-Peitsche und Lampen mit Spezialkerzen zu finden.“ Inzwischen schmücken sie den Landauer und machen ihn zu einem echten Hingucker. Zum Fahren wird die Kutsche nicht mehr benutzt, dafür ist sie ein beliebtes Fotomotiv für Hochzeitspaare. Die fünf Restaurateure, Dieter Bartusch, Dieter Siemer, Uwe Münch, Henry Bremer und Hartmut Höpken, sind ein eingespieltes Team. Fertig sind sie aber noch lange nicht. Als Nächstes muss der Fußboden der Scheune gestrichen werden, damit das schöne schwarze Verdeck beim Kehren nicht so einstaubt. Dabei hilft eine Spende der Familie Kothe, die sich sehr über den restaurierten Landauer freut. Und darüber, dass die hundertjährige Kutsche ihrer Familie im Freilichtmuseum nun einen Ehrenplatz bekommen hat.

Umfrage Deutschland schottet sich mit krassen Maßnahmen gegen das Coronavirus ab: Um die weitere Verbreitung aufzuhalten, dürfen die Menschen jetzt nur noch höchstens zu zweit auf die Straße.

Sind drastisch Maßnahmen wie die Kontaktsperre richtig?

8051 abgegebene Stimmen
Folge nord24 via Messenger
Folge den Pinguins via Messenger
Folge uns auf Facebook
Besuche uns auf Facebook
Abonniere uns auf Instagram
nord24 auf Instagram