Morgensternstraße Bremerhaven Weddewarden

Die Morgensternstraße ist ihr Zuhause: Jürgen und Jessica Kracke mit Oma Margret und den Kindern Jürgen (auf Papas Arm) und Jana. Foto: Scheer

Bremerhaven

Die Leute vom Morgenstern

Von Ann-Kathrin Brocks
6. November 2015 // 10:56

Nostalgietripp im Schatten des Containerhafens: Zwischen Kran-Giganten im Westen und Durchgangsverkehr im Osten duckt sich unterm Deich die alte Friesensiedlung. Ein „böses, verdorbenes Volk“ schalt Erzbischof Giselbert 1282 die berüchtigten „Wetwarder“ Strandräuber. Ein anderer Fürst baute 230 Jahre später die Feste „Morgenstern“ – sie fiel 1518. Doch die Straße dorthin prägt das Dorf bis heute. Ihr Basalt-Buckelpflaster säumen mächtige Kastanien, rot geziegelte, oft reetgedeckte Höfe, alte Obstgärten – und der verlassene Dorfgasthof „Wurster Eck“. Oben am Deich markiert der historische Gasthof „Schloss Morgenstern“, heute Sitz der Heimatforschung, den Übergang von der Morgenstern- zur Burgstraße.

Drei Höfe stehen unter Denkmalschutz

Bauern gehören seit je zum Straßencharakter: Drei der sieben Höfe hier stehen unter Denkmalschutz. Wie der einstige „Sibberns-Hof“, 1824 erbaut. Seit 1976 ist es der „Kracke-Hof“. „Ich bin Landwirt mit Leib und Seele“, betont Jürgen Kracke, Herr über 124 Stück Vieh. 2003 hat der heute 36-Jährige den Betrieb seines Vaters übernommen. „Vorher hatten wir einen kleineren Hof im Hören“, erzählt seine Mutter Margret, „wir haben hier erst gepachtet und 1992 gekauft.“ Damals arbeitete Jessica Kracke noch in der heute verödeten, allseits entbehrten Dorfschenke wenige Meter nebenan. „Es gab in dieser Straße auch mal Bäcker und Schlachter“, erzählt die 33-Jährige. Alles futsch. „Uns fehlt hier absolut ein Dorfladen“, vermisst sie bessere Infrastruktur.

Bürgerinitiative gegen den Hafenbau

Noch 1977 hatte die Stadt vor, „diesen historischen Hof abzureißen“, schüttelt Margret Kracke den Kopf, „und einem Architekten Neubaugrund angeboten – unser Glück, dass der das nicht wollte.“ Von Anfang an, erzählt sie, kämpfte ihr Mann Jürgen „in der Bürgerinitiative gegen den Hafenbau mit“. Wie Nachbar Ulf Jacobsen, Morgensternstraße 2. Friesensiedlung Weddewarden Info „Als ich 1970 aus Lübeck hierher zog“, erzählt der Ingenieur, „waren die Weddewarder schon auf den Barrikaden gegen den Bau des CT 2 vor ihrer Nase. Da hab ich mitgemacht.“ Das hätte Marschendichter Hermann Allmers mächtig gefallen, der 1882 den Heimatbund „Männer vom Morgenstern“ gründete – und „Heldenmut und Ausdauer“ der einst als Strandpiraten verrufenen Weddewarder rühmte.

Neue Wohnhäuser in der Morgensternstraße

Bildergalerie

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Während des ersten Weltkriegs war Hof Brinkama abgebrannt - hier die Ruinen. An ...
Während des ersten Weltkriegs war Hof Brinkama abgebrannt - hier die Ruinen. An Dieser Stelle baute Hitlers Regime Baracken, nach dem 2. WK enstand hier das Haus Morgensternstraße Nr. 18, Foto um 1918

Diese Barracken baute Hiltler-Regime in den 1930ern an jener Stelle, wo in den 2...
Diese Barracken baute Hiltler-Regime in den 1930ern an jener Stelle, wo in den 20er Jahren der Hof Brinkama abgebrannt war. Heute steht hier das Haus Morgensternstraße Nr. 18

Der Hof Sibberns - heute Kracke - an der Morgensternstraße 12 um 1900: Erbaut 18...
Der Hof Sibberns - heute Kracke - an der Morgensternstraße 12 um 1900: Erbaut 1824. angegeben sind auf der rückseite nur noch diese Namen - auf dem Einspänner mit Milchkannen fährt Johann Willms, hoch zu Ross reiten Hofbesitzer Martha und Ernst Sibberns raus auf die Morgensternstraße.

Ansichtskarte von Schloss Morgenstern (unten) und dem alten Hof Burmester (recht...
Ansichtskarte von Schloss Morgenstern (unten) und dem alten Hof Burmester (rechts) und später abgebrannten Hof Brinkama links, um 1900, an der Morgensternstraße.

Der alte Burmester-Hof, erbaut um 1824, an der Morgensternstraße 16, ist bis heu...
Der alte Burmester-Hof, erbaut um 1824, an der Morgensternstraße 16, ist bis heute (2015) in Familienbesitz. Das Reet wich Dachschindeln. Hier ein Familienbild von 1915.

Männer vom Schlage Bohlke Burmesters. Mit der Landwirtschaft hat er 2007 aufgehört, doch der 72-Jährige hängt am alten Familiensitz Haus Nr. 16. „Mein Großvater ist auf diesem Hof geboren, schon meine Ahnin Margarethe Engels lebte um 1830 hier.“ Burmester kramt im alten Album: „Nebenan stand bis 1931 der Brinkama-Hof. Der brannte runter, dann baute Hitler da Baracken hin.“ Heute steht hier eines der 19 neueren Wohnhäuser der Straße. Kinder, sagt Jessica Kracke, „gibt’s wenig außer unseren beiden“. Auf der Straße vorm Haus zu spielen, „wie wir früher“, sei unmöglich: „Trotz Tempo 30 rasen alle durch zum Deich.“ Die anderen Straßen in Bremerhaven, die wir in unserer großen Serie vorstellen, finden Sie in unserer Artikelsammlung.  

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