Heftige Facebook-Debatte nach dem Tod eines 16-jährigen Bremerhaveners am Bahnhof Lunestedt.

Nach dem tödlichen Bahnunfall in Lunestedt gab es auf Facebook viele Kommentare zu dem Vorfall.

Foto: Symbolfoto: Sommer/dpa

Bremerhaven
Cuxland

Facebook-Debatte nach tödlichem Bahnunfall: Einfach zum Fremdschämen #isso

Von Christoph Käfer
24. September 2018 // 18:00

Als ich am Samstag von dem schrecklichen Bahnunfall in Lunestedt erfahren habe, bei dem ein 16 Jahre alter Jugendlicher aus Bremerhaven ums Leben kam, war ich zutiefst schockiert: Als junger Familienvater, der sich vorstellte, wie es wohl wäre, wenn dem eigenen Sohn so etwas zugestoßen wäre. Als Journalist, der weiß, wie bescheiden es sich anfühlt, die traurige Meldung verbreiten und gegebenenfalls am Unfallort noch mit Helfern und Augenzeugen über das Unglück sprechen zu müssen, weil es zum Job dazugehört. Und als Mensch, der einfach nur fassungslos und traurig darüber ist, dass ein junger Mensch durch eine unüberlegte Aktion viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde.

Bremerhavener stirbt bei Bahnunfall

So oder so ähnlich wie mir ging es auch vielen anderen, als sie von dem Unfall erfahren haben. Über den nord24-Facebook-Kanal verbreitete sich die Unfallmeldung rasend schnell. Viele Facebook-Nutzer waren voller Trauer und drückten über die Kommentarfunktion ihr Mitgefühl aus - sowohl mit dem toten 16-jährigen Bremerhavener wie auch dem Lokführer des Güterzuges, der den Jugendlichen erfasste. Einige dankten auch den Ersthelfern und Einsatzkräften vor Ort.

Spekulationen über Namen des Opfers

Entsprechend viele Kommentare sind bei Facebook zu finden. Doch darunter befanden sich leider auch zahlreiche andere Reaktionen: Da wurde freimütig über den Namen des Toten spekuliert und mit Unverständnis reagiert, als entsprechende Kommentare ansatzlos gelöscht wurden. Da wurde nord24 dafür kritisiert, dass im letzten Satz der Unfallmeldung von einem Zugführer die Rede ist, obwohl es sich um einen Lokführer handelt. Da wurde diverse Male darüber diskutiert, wer denn nun mehr bzw. überhaupt Mitleid verdient habe - der 16-jährige Bremerhavener oder der Lokführer?

Menschlich völlig unterirdisch

Kommentare wie diese sind nicht nur deplatziert und unangemessen, sondern menschlich völlig unterirdisch und einfach nur zum Fremdschämen. Oder um es ganz plakativ zu sagen: "Leute, habt ihr den Schuss noch gehört?"

Befriedigung persönlicher Eitelkeit

Nach dem Unfall in Lunestedt machte Facebook mal wieder seinem Ruf als (a)soziales Netzwerk alle Ehre. Betonung auf mal wieder: Denn es ist leider auch in Bremerhaven und umzu eher die Regel denn die Ausnahme, dass bereits unmittelbar nach Bekanntwerden solch schockierender Nachrichten einige Nutzer meinen, aus Gründen persönlicher Eitelkeit oder zur eigenen Selbstdarstellung ihren "Wissensvorsprung" mit anderen teilen zu müssen, in dem sie beispielsweise persönliche Angaben von Beteiligten oder Details zu dem vermeintlichen Hergang des Geschehens öffentlich auf Facebook posten. Andere meinen, sich auf Basis wilder Spekulationen ihr eigenes, vorweggenommenes Urteil zu dem Gesamtgeschehen erlauben zu können und zur Selbstjustiz aufrufen zu müssen.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Wenn dann solche Kommentare gelöscht werden, ist die Aufregung meistens noch größer. Dann ist von "Meinungsfreiheit" die Rede und von "Presse-Zensur". Als ich einmal einen Facebook-Kommentar gelöscht habe, der sich deutlich unter der Gürtellinie befand, lautete die Reaktion des betroffenen Kommentators: "Wieso habt ihr den Kommentar gelöscht? Der hatte doch 43 Likes." Das ist er also, der zweifelhafte Lohn auf solche Reaktionen: Likes, also Gefällt-mir-Klicks für den eigenen Kommentar.

Missbrauch von Unglücken für eigene Botschaften

Ähnlich unerträglich ist es, wenn Horror-Nachrichten umgehend dafür genutzt werden, vom eigentlichen Geschehen abzulenken, um seine eigenen Botschaften oder sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen: So ist es - auch in Bremerhaven und umzu - wenn über Straftaten berichtet wird, bei denen Flüchtlinge nicht selten pauschal unter Generalverdacht gestellt werden. So ist es, wenn bei tödlichen Unfällen mit Autos und Motorrädern reflexartig von Rasern die Rede ist. So ist es auch nach dem Unfall in Lunestedt gewesen, als genügend Kommentatoren meinten, unter zum Teil sehr persönlichen Beileidsbekundungen ausdrücklich betonen zu müssen, dass sie kein Mitleid mit dem toten Bremerhavener, sondern nur mit dem Lokführer, "dem eigentlichen Opfer", empfänden.

Zweiter tödlicher Bahn-Unfall in Lunestedt

Natürlich sind einige Argumente dieser - sagen wir - kritischen Kommentatoren nicht von der Hand zu weisen: Außenstehende wissen wohl nur in den seltensten Fällen, wie häufig Lokführer im Alltag tatsächlich mit brenzligen Situationen konfrontiert werden. Und ja, dass es am Bahnhof Lunestedt dringenden Handlungsbedarf gibt, ist seit geraumer Zeit bekannt: Vor gut elf Jahren starb ein 16-jähriges Mädchen, als sie bei geschlossenen Bahnschranken die Gleise überquerte und von einem Zug erfasst wurde. Und erst im Juni 2017 berichtete nord24, dass täglich Jugendliche durch das Gleisbett im Bahnhof Lunestedt laufen, um auf die andere Seite zu gelangen.

Alles zu seiner Zeit

Das alles ist bekannt und nach entsprechenden Lösungen wird bereits gesucht. Und trotzdem war die Wucht der Todesnachricht vom Wochenende dadurch nicht weniger heftig und das Unglück nicht weniger tragisch. Daher sollte vor allem den Angehörigen, Freunden und Bekannten des 16-Jährigen, aber auch dem Lokführer, den Einsatzkräften sowie allen Unbeteiligten, die zufällig Augenzeugen des Unglücks wurden, ausreichend Zeit zum Trauern und zur Verarbeitung der Geschehnisse eingeräumt werden.

Respekt gegenüber Angehörigen

Anschließend bleibt immer noch genügend Zeit, um den Unfall politisch aufzuarbeiten und entsprechende Konsequenzen daraus zu ziehen. Das gebietet der Respekt - gegenüber allen Beteiligten, vor allem aber gegenüber dem Toten und seiner Familie.

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