Inszenierter Absturz: Vom Überleben auf hoher See

Drei Versuche haben die Teilnehmer, um sich aus dem "Hubschrauber" zu befreien. Erst nach Abschluss des Seminars bekommen sie Falck Safety Services in Bremerhaven ein Zertifikat.

Bremerhaven

Inszenierter Absturz: Vom Überleben auf hoher See

Von nord24
9. Oktober 2016 // 10:00

Es ist das reinste Horrorszenario: Ein Hubschrauber stürzt ab und prallt auf die Wasseroberfläche. Dann geht alles ganz schnell, binnen weniger Sekunden versinkt der Helikopter samt Besatzung im Meer. Das Wasser steigt, die Insassen geraten in Atemnot. Aussicht auf Rettung? Fehlanzeige. Was in einer solchen Lage zu tun ist, wird den Teilnehmern beim sogenannten Helicopter Underwater Escape Training ganz genau erklärt: Sitzen bleiben, Ruhe und Orientierung bewahren, Fenster einschlagen, Gurte lösen und erst dann den Hubschrauber verlassen.

Die Gefahr in Theorie

Im Grunde klingt es ganz simpel, was der 56-jährige Tom, der seinen Nachnamen nicht preisgeben will, den fünf Teilnehmern einen Vormittag lang theoretisch demonstriert. Er ist einer von mehr als 60 Freelancern, die für das dänische Sicherheitsunternehmen Falck in Bremerhaven tätig sind. Sie alle kennen die Gefahren aus dem wahren Leben, arbeiten unter anderem bei der Feuerwehr, Marine oder Wasserschutzpolizei. Tom macht seine Schützlinge mit einem Selbstatmungsgerät vertraut, geht mit ihnen die Handlungsabläufe durch und spielt Videos ab.

Der schwimmende Hubschrauber

Nach 25 Jahren Erfahrung als Pilot der Bundeswehr ist das sogenannte HUET-Training für ihn längst zur Routine geworden. Die Sicherheitsvorkehrungen seien zwar sinnvoll, zu Notfällen komme es aber selten, meint der 56-Jährige: "In meinen ganzen Flugjahren gab es zwei, drei Zwischenfälle. Wir sind mal auf Helgoland, im Mittelmeer oder in der Karibik notgelandet, aber das war alles harmlos. Und mittlerweile können Hubschrauber bis zu 24 Stunden auf dem Wasser schwimmen."

Training ist Pflicht

Trotzdem muss der Extremfall geprobt werden. Denn ohne die nötigen Sicherheitstrainings ist die Arbeit auf hoher See mittlerweile undenkbar, wie Nils Weinrich, stellvertretender Projektleiter der Rettungskette Offshore Wind, erklärt: "Es gibt für die Offshore Windanlagen keine einheitlichen Zertifikate oder gesetzliche Vorschriften. Aber es gab Katastrophen in der Öl- und Gasindustrie und ihre Sicherheitskonzepte nehmen die Unternehmen sehr ernst."

Drei Versuche zum Rauskommen

Nach vier Stunden wird es ernst für den 23-jährigen Christopher und die anderen Kursteilnehmer. Denn nach der Theorie folgt die Praxis. In sieben Durchgängen müssen die Teilnehmer beweisen, dass sie sich problemlos unter Wasser aus einem Hubschrauber befreien können - und das auch bei einer 180-Grad-Drehung des Helis. Für jeden Durchgang haben sie drei Versuche. "Besteht ihr einen Durchgang nicht, kommt ihr in sechs Wochen wieder und versucht es noch mal", kündigt der Trainer gleich zu Beginn an.

Für Politiker gilt eine Ausnahme

Die Anspannung und der Druck bei den Teilnehmern steigt. Schließlich machen sie das mehrere Tausend Euro teure Training nicht zum Spaß. Vier Jahre lang sind die Zertifikate gültig. Danach müssen sie aufgefrischt werden. "Nur Politiker dürfen ohne Zertifikat auf Offshore Anlagen", erklärt Jens Nasse, Trainer eines dänischen Sicherheitsunternehmens, mit einem breiten Grinsen.

Training für das Überleben

Nach 45 Minuten Konzentration ist das Survival-Training beendet. Alle Kursteilnehmer retten sich aus dem sinkenden und um 180 Grad gedrehten Hubschrauber. Keiner der Trainer muss eingreifen. Damit ist der Test bestanden. Aber können sie das auch bei meterhohen Wellen, eiskaltem Wasser und einem Aufprall aus zwölf Metern Höhe? Hubschrauberabstürze, wie vor zwei Jahren über der Ostsee, lassen daran Zweifel aufkommen. Und auch die Teilnehmer wissen das ganz genau: "Wir hoffen, dass diese Situation nie eintreten wird." (dpa)