Auch Anja Schlange bietet ihren Kunden den Service der Internet-Nachlass-Verwaltung über einen Dienstleister an.

Auch Anja Schlange bietet ihren Kunden den Service der Internet-Nachlass-Verwaltung über einen Dienstleister an.

Foto: Lammers

Bremerhaven

Onlineschutz-Pakete für Erben gibt's beim Bestatter

Von Andrea Lammers
27. November 2016 // 09:00

Was mit dem Eigenheim, den Aktien und dem Goldring eines Verstorbenen passiert, ist in Gesetzen oder im Testament meistens hinlänglich geregelt. Aber was ist mit den Hinterlassenschaften in der digitalen Welt? Mit Mitgliedschaften in sozialen Netzwerken, mit Streaming-Verträgen oder Blogs? Damit Angehörige hier keine bösen Überraschungen erleben, bieten verschiedene Bestattungsunternehmen in der Seestadt Bremerhaven einen speziellen Service an.

58 Millionen Onlinenutzer

Mal eben fix etwas bei Ebay ersteigert, bei Amazon den neuen Bestseller-Krimi bestellt und die letzten Urlaubsfotos auf Facebook gepostet – das Internet hat im Leben von Otto Normalverbraucher eine immer größere Präsenz. Nach der ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 ist die Zahl der Onlinenutzer auf rund 58 Millionen gestiegen. Dies entspricht einem Anteil von 83,8 Prozent an der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter ab 14 Jahren und einem Zuwachs gegenüber 2015 von 3,4 Prozent beziehungsweise 1,9 Millionen Menschen. Kräftige Zuwächse gab es vor allem bei den ab 40-Jährigen.

Erbberechtigte erben alle Internetverbindlichkeiten

Je internetaffiner ein Mensch gelebt hat, desto unerwarteter können seine Hinterlassenschaften für die Angehörigen werden. „Was den wenigsten bislang bewusst ist: Erbberechtigte Hinterbliebene erben alle mit dem digitalen Nachlass verbundenen Rechte und Verpflichtungen. Das hat gegebenenfalls zur Folge, dass Erben eines verstorbenen Internetnutzers bislang nicht von vorhandenen Guthaben erfahren haben, unerwartete Rechnungen aus unnütz fortlaufenden Abo-Verträgen tragen müssen oder den Schutz der postmortalen Persönlichkeitsrechte, zum Beispiel aus sozialen Netzwerken, nicht hinlänglich sicherstellen konnten“, beschreibt Torsten Koop vom Bestattungs-Institut Koop die Hintergründe.

Angehörigen verfügen nicht über die gesamten Passwörter

Ein Beispiel: Jemand war in dem sozialen Netzwerk Facebook aktiv und hat dort unter anderem viele persönliche Fotos veröffentlicht. Die entsprechende Seite existiert auch nach dem Tod ebenso weiter wie wenn der Verstorbene noch am Leben wäre. „Die meisten Angehörigen verfügen nicht über die gesamten Passwörter des Verstorbenen“, weiß auch Anja Schlange vom Bestattungsinstitut Schlange. „Oder schreiben Sie alle ihre Passwörter auf?“ Das dürfte wohl eher die Ausnahme sein. Praktisch bedeutet das, dass die Angehörigen mit einiger Wahrscheinlichkeit nichts von bestehenden Internetverträgen wissen oder zumindest die für eine Löschung erforderlichen Passwörter nicht kennen.

Online-Schutzpaket für Kunden

Mit Blick auf diese Tatsache hat das Bestattungsinstitut Koop vor einiger Zeit das Online-Schutzpaket für seine Kunden auf den Weg gebracht. Diverse andere Bestattungsunternehmen in der Seestadt haben mittlerweile nachgezogen. Bei dem Paket geht es darum, dass in Kooperation mit dem Bestatter ein Internet-Unternehmen, mit Hilfe eines Datenabgleichs Benutzerkonten und Vertragsverbindungen des Verstorbenen bei Internetanbietern recherchiert. „Je nach Wunsch der Hinterbliebenen können die Verbindungen übernommen oder gelöscht werden“, sagt Torsten Koop. „Die aktuelle Nachfrage ist noch nicht so groß. Die Erben können eine Liste mit den Vertragspartnern bekommen und die Verbindungen dann eigenständig löschen“, beschreibt Andreas Tietlitz von Ellermann Bestattungen eine Möglichkeit des Umganges mit den Rechercheergebnissen.

Angebot wird noch nicht so häufig angefragt

„Noch wird das Angebot nicht so häufig angefragt. Aber ich denke, das wird immer mehr werden“, so die Beobachtung von Peter Ostendorf von Hadeler Bestattungen. Ähnlich verhält es sich auch im Hause Schlange: „Bei den älteren Verstorbenen gibt es in der Regel noch nicht so häufig einen Nachlass im Internet. Aber keine Frage: Das Thema wird immer mehr Relevanz besitzen“, so Anja Schlange.

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