Stadttheater Bremerhaven - Der jüngste Tag

Der scheinbar harmlose Kuss, den Anna (Jennifer Sabel) dem Bahnwärter Thomas Hudetz (Volker Muthmann) gibt, hat schwerwiegende Folgen.

Foto: Sandelmann

Bremerhaven
Kultur

Schauspiel "Der Jüngste Tag" im Großen Haus wirkt hochaktuell

Von nord24
22. Februar 2016 // 13:53

Wegen einer Unachtsamkeit stellt er das entscheidende Signal zu spät. Die Folge: 18 Tote. Was auf der Bühne im Großen Haus des Bremerhavener Stadttheaters dem Bahnhofsvorstand Thomas Hudetz widerfährt, wird angesichts der Tragödie von Bad Aibling noch eindringlicher. Das Stück „Der jüngste Tag“ von Ödön von Horváth geht den Grundfragen von Schuld und Sühne nach.

Schweres Zugunglück

Ödön von Horváth versucht in seinem 1936 geschriebenen Stück die Vielschichtigkeit eines Versagens, das ein schweres Zugunglück heraufbeschwört, bis zu den Grundfragen nach Schuld und Sühne zu durchdringen. Bei der Premiere am Sonnabend erlebten die Zuschauer eine teils widersprüchliche Inszenierung, die dennoch mit herzlichem Beifall bedacht wurde.

Harmloser Kuss

Bei Horváth ist Thomas Hudetz (Volker Muthmann), Bahnhofsvorstand einer Dorfstation. Er ist eine Person mit besonderer Verantwortung, von der der störungsfreie Zugverkehr und die Sicherheit der Reisenden abhängen. Doch dann bewirkt der zunächst harmlos wirkende Kuss von Anna (Jennifer Sabel), die damit dessen Frau ärgern will, die schicksalsträchtige Unaufmerksamkeit des Beamten: Er stellt das entscheidende Signal zu spät. 18 Menschen sterben.

Meineid geschworen

Bei dem anschließenden Prozess schwört Anna Meineid, um Hudetz vor Strafe zu bewahren. Da selbst das Gericht die Unschuld ihres so fehlerfreien Bahnhofsvorstands bestätigt hat, verharrt die Dorfgemeinschaft zunächst in ihren vorgefassten Denkmustern und feiert den Heimkehrer.

Vom Helden zum Verbrecher

Doch als sich bei Anna das Gewissen immer stärker regt und sie sich wegen ihrer „inneren Stimme“ an Hudetz wendet, wird der zum Mörder und damit erneut schuldig. Erst Tage danach, in denen er für die Dorfbewohner vom Helden zum Schwerverbrecher geworden ist, erwacht sein Schuldbewusstsein, bis Hudetz bereit ist, auch für seine Untaten Verantwortung zu übernehmen: „Die Hauptsache ist, dass man sich nicht selber verurteilt oder freispricht.“ Diese Botschaft versickert jedoch wirkungslos in dieser anpassungswilligen spießbürgerlichen Gesellschaft.

Geschwätzige Frau

Ausstatterin Christin Treunert hat den tiefen Bühnenraum zumeist in herbstlich trübem Braun mit kahlen Bäumen im Hintergrund gehalten. Europaletten kennzeichnen je nach Lage Wege oder Schienen. In diese Unschärfe hat Regisseur Dominique Schnizer versucht, durch Textschnitte seinen Schauspielern kräftige Konturen zu geben. Davon profitieren vor allem zwei Akteure: Ruth Meyer als geschwätzige Frau Leimgruber, deren boshafte Personenbeschreibungen von Vorurteilen strotzen, und Volker Muthmann als Hudetz, dessen Panzer aus Lebenslgen spät zerfällt.

Herbe Kürzung

Durch eine herbe Kürzung hat Schnizer im Schlussbild Horváths Vorgabe, den ruhigen „Totentanz“, zugunsten des lauten Auftritts einer Menschenmenge geopfert. Das Nachdenken über Schuld und Sühne wird dadurch allerdings abgeschaltet.

Stadttheater Bremerhaven - Der jüngste Tag

Im Dorf schwirren Gerüchte: Der Vertreter (Andreas Hammer), Frau Leimgruber (Ruth Meyer) und Alfons (John Wesley Zielmann) tratschen eifrig mit.

Foto: Sandelmann

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