Victor Smetacek erntet die Bambussprossen in seinem Garten. Mit ein wenig Salz dünstet er das Gemüse an. In seinem Gefrierschrank bevorratet er sich stets mit einem Teil seiner Ernte.

Victor Smetacek erntet die Bambussprossen in seinem Garten. Mit ein wenig Salz dünstet er das Gemüse an. In seinem Gefrierschrank bevorratet er sich stets mit einem Teil seiner Ernte.

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Bremerhaven

Im privaten Dschungel: Bremerhavener lässt in seinem Garten mehr als 20 Arten Bambus sprießen

Von Andrea Lammers
7. August 2016 // 09:00

Wer das Grundstück von Dr. Victor Smetacek und seiner Frau Karen in Bremerhaven-Reinkenheide betritt, taucht in eine faszinierende, eine exotische Welt ein. Unzählige, teilweise mehr als zehn Meter hohe Bambuspflanzen statt englischem Rasen, Dschungelambiente statt Heckenscheren-Ordnung. Käme hier jetzt ein Elefant aus dem Dickicht, würde es wohl niemanden verwundern. Gelbe, rosa und weiße Magnolien, Trompetenblumen, Scheinerlen – und immer wieder Bambusse. Kleine, riesig große, lindgrüne, dunkelgrüne, solche mit zarten Stämmen und solche mit Stämmen von bis zu 18 Zentimetern Durchmesser – mehr als zwanzig verschiedene Bambusarten hat Smetacek auf dem großen Grundstück beheimatet. „Die dort sind innerhalb von zwei Monaten über das Dach hinausgewachsen“, sagt der Biologe und zeigt auf einige Pflanzen gigantischen Ausmaßes. „Manche Arten wachsen bis zu 50 Zentimeter am Tag.“ Bis zu seinem Ruhestand hat Smetacek am Alfred-Wegener-Institut (Awi) geforscht, war mit dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ in der Antarktis und hat bis vor kurzem Vorlesungen gehalten. Immer auch im Fokus seiner Arbeiten: Kohlenstoff.

Ungelöstes Rätsel um die Blüte des Bambus

„Das Wurzelgeflecht des Bambus ist ein sehr guter Kohlenstoffspeicher“, erzählt er. Wenn Smetacek anfängt, über die Besonderheiten seines persönlichen Gartenlieblings zu sprechen, eröffnen sich dem Zuhörer spannende und geradezu faszinierende Welten: „Wussten Sie, dass die verschiedenen Bambusarten so etwas wie eine spezielle innere Uhr haben? Bestimmte Arten an verschiedenen Orten auf der Welt beginnen gleichzeitig ganz plötzlich nach zehn, 20, 80 oder auch erst nach 100 Jahren zu blühen. Heute noch rätseln Botaniker darüber, was das Blühen auslöst.“ Dabei sei die Bambusblüte anders als bei anderen Pflanzen kein Grund zur Freude, da die Blüte manche Arten derart erschöpfe, dass sie danach absterben. Pandabären, die sich hauptsächlich von Bambus ernähren, könnten dadurch vom Hungertod bedroht sein. Apropos Hunger – Smetacek liebt es nicht nur, das Wachsen der Bambusse zu studieren, er erntet das gesunde Gemüse auch beizeiten, um es mit ein wenig Salz in der Pfanne zu garen. Wie beispielsweise Spargel hat auch der Bambus seine spezielle Erntezeit im späten Frühjahr. „Ich mag den leicht bitteren Nachgeschmack, der so ähnlich wie Chicoree ist“, schwärmt Smetacek. Damit auch für die Zeit danach genug Bambus im Haus ist, friert Smetacek Bestände ein.

Bambuswachstum lässt sich eindämmen

Smetacek ist in Indien aufgewachsen. Bambus ist für ihn also so selbstverständlich wie für jemanden, der aus Deutschland stammt, das Vorhandensein von Kastanienbäumen oder Eichen. „Hierzulande haben viele Leute Angst davor, dass sich Bambus zu stark ausbreiten könnte. Dabei ist es mit den modernen Gerätschaften überhaupt kein Problem, Bambuswachstum einzudämmen. Außerdem kann man das Ausbreiten der Wurzeln mit Teichfolie bestens beschränken.“ Ganz entgegen den hier verbreiteten Vorbehalten könnte der Bambus sogar einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellen, ist Smetacek überzeugt. „Die Pflanze ist sehr umweltfreundlich, sie muss nicht großartig gedüngt werden. Manche Arten sind bis zu minus 25 Grad frosthart und windresistent“, zählt der Wissenschaftler die Vorteile auf. „Man könnte den Bambus auf Feldern kultivieren“, sagt er. „Viele Produkte aus Plastik ließen sich auch mit Bambus herstellen: Wind- und Sonnenschutzsysteme, Körbe, Besen, Vorhänge, und so weiter und so weiter. Es gibt sogar Fahrräder aus Bambus.“ Unterwäsche aus Bambus sei sehr viel umweltfreundlicher als die aus Baumwolle, weil Bambus weniger Wasser benötige.

Elefanten würden Bambus kaufen

Dabei wäre Bambus hierzulande noch nicht einmal ein völliger Neuling. Vor den Eiszeiten war Bambus nämlich auch in Europa beheimatet, wie Versteinerungen bezeugen. Ebenso wie einige tierische Bambus-Fans: Elefanten. Auch sie haben nach den letzten Eiszeiten kein Bein an die norddeutsche Tiefebene mehr bekommen. Kein Wunder also, dass bislang kein Elefant den Weg in Smetaceks Garten gefunden hat, obschon der mit den unzähligen Bambus-Pflanzen garantiert ein kulinarisches Paradies für die Tiere darstellen dürfte.

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