Chaja-Gitel Kan steht in der Synagoge der orthodoxen jüdischen Gemeinde im Blink-Viertel am Gebetstisch.

Chaja-Gitel Kan steht in der Synagoge der orthodoxen jüdischen Gemeinde im Blink-Viertel am Gebetstisch.

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Bremerhaven

So unterschiedlich sieht jüdisches Leben in Bremerhaven aus

Von Christian Heske
29. September 2018 // 15:30

Ab und an sieht man sie im Fernsehen: ultraorthodoxe Juden mit schwarzen Kaftanen, Hüten und langen Schläfenlocken. Es gibt diese extreme Auslegung der Traditionen, allerdings stellt sie innerhalb der jüdischen Religionsgemeinschaften weltweit nur eine Minderheit dar. Auch in Bremerhaven gibt es die unterschiedlichsten Facetten jüdischer Lebenswirklichkeit.

Streng religiöse Juden müssen 613 Gebote beachten - eigentlich

Die 69-jährige Chaja-Gitel Kan stammt aus Rumänien und ist Mitglied der orthodoxen jüdischen Gemeinde. „Die jüdische Religion ist sehr schwierig“, räumt sie ein. Streng religiöse Juden müssten 613 Gebote beachten – eigentlich. „Sogar die Religiösen sagen, dass vielleicht 300 einzuhalten sind.“ Vier Dinge solle ein religiöser Jude aber auf jeden Fall beherzigen: Er sollte den Schabbat (auch Sabbat) begehen, drei Gebete täglich sprechen, täglich die Thora studieren und koscher essen.

Für liberale Gemeinde ist Gleichstellung der Frau wichtig

„Koscheres Essen wäre in Bremerhaven gar nicht zu bekommen – man müsste es sich schicken lassen“, sagt Nikolaus Rachmaninow. „Ob ich koscher esse, ist eher zweitrangig“, meint der 67-Jährige. Rachmaninow hat sich der Menorah-Gemeinde angeschlossen. Die liberale Menorah trennte sich 2016 von der orthodoxen Gemeinde in Lehe. „Wir waren zum Beispiel nicht einverstanden mit der orthodoxen Haltung, dass Frauen nicht gleichgestellt sind“, betont er. Im liberalen Judentum besitzen Frauen die gleichen religiösen Rechte wie die Männer und können auch Rabbinerinnen werden.

Spirituelles Verhalten teilweise unstet

Eine familiäre Bindung, sogar eine Verpflichtung gegenüber ihren jüdischen Wurzeln spürt die gebürtige Deutsche Mira Levinson, ebenfalls Mitglied der Menorah-Gemeinde. Gleichzeitig geht es der 41-jährigen Migrationswissenschaftlerin, die als Migrationsberaterin arbeitet, nicht anders als vielen Christen ihrer Generation: „Mein spirituelles Verhalten ist zu unstet, um ein tragendes Mitglied der Gemeinde zu sein“, findet sie. „Aber wenn ich mich an jüdischen Feiertagen mit anderen Juden treffe, dann weckt das Erinnerungen an die Feiern in der Familie.“

Der Vater der Kinder ist Muslim

Mira Levinson stammt aus Heidelberg und wuchs als Tochter einer jüdischen Mutter und eines aus der Kirche ausgetretenen christlichen Vaters auf. Das Pessach-Fest, an dem die Juden der Befreiung aus der Sklaverei und des Auszugs aus Ägypten gedenken, feiere Mira Levinson regelmäßig mit ihrer Mutter. Auch ihre drei Jahre alten Zwillinge würde Mira Levinson mitnehmen in die Synagoge. „Und ich würde mich freuen, wenn meine Kinder das für sich entdecken“, sagt sie. Da der Vater der Kinder Muslim ist, wird das wohl eine Frage des religiösen Dialogs.

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