Martin Sabrow ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Martin Sabrow ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Foto: Privat

Katastrophe
Wissenschaft

Deutschlands Rückkehr in die Zivilisation

Von Werner Kolhoff
8. Mai 2020 // 08:00

An diesem 8. Mai liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland genau 75 Jahre zurück. 1985 sprach der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer historischen Rede vom „Tag der Befreiung“. Doch noch immer tun sich die Deutschen mit diesem Datum schwer. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff sprach darüber mit dem Historiker Martin Sabrow vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Die Wucht der Worte Weizsäckers

Wie erklärt sich, dass die Rede von Richard von Weizsäcker damals eine solche Wucht entfalten konnte? Dass der Bundespräsident den Begriff „Befreiung“ übernahm, war 1985 für ein Staatsoberhaupt etwas Neues. Bis dahin war „Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus“ ein Ausdruck aus dem Sprachverzeichnis der DDR gewesen, im Westen dominierte hingegen der Blick auf Kapitulation und Niederlage. Auch von Weizsäcker wies in seiner Rede, allerdings mit einer gewissen Akzentverschiebung, auf die Spannung hin, die seit jeher über diesem Tag lag, „an dem man vernichtet und erlöst in einem“ gewesen sei. So lautete einst die Formulierung von Theodor Heuss. Von Weizsäcker nahm diesen Gedanken auf, als er den 8. Mai einen Tag der Befreiung, aber nicht des Feierns nannte.

Für viele war es damals noch eine Niederlage

Es lebten 1985 noch viele aus der Kriegsgeneration, die den Tag als militärische Niederlage empfunden hatten. Erklärt das die Aufregung? Natürlich. Deutschland hatte einen Weltkrieg begonnen und verloren. Die meisten Überlebenden hatten das Kriegsende als fürchterliche Niederlage erlebt, die mit persönlicher Entwürdigung und dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung einherging. Die überlieferten Tagebuchnotizen aus jener Zeit belegen, wie sehr man sich in der „Stunde Null“ als leidendes Opfer begriff. Das selbst zu verantwortende Leid sah man weniger. Es hat neben dieser nationalgeschichtlichen aber immer auch eine menschheitsgeschichtliche Sicht auf den 8. Mai gegeben, die den Sieg über den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch herausstellte. Diese Perspektivenverschiebung setzte sich zum Zeitpunkt der Rede von Weizsäckers im kollektiven Gedächtnis allmählich durch, was auch mit einem Generationswandel zu tun hatte.

Was der Historiker noch über den „Tag der Befreiung“ sagt, lest ihr auf norderlesen.de.

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