Lars Tietje ist der neue Intendant des Stadttheaters Bremerhaven

Lars Tietje ist der neue Intendant des Stadttheaters Bremerhaven

Foto: Yvonne Bösel / Studio 23

Freizeit

„Hier wird aus wenig viel gezaubert“

12. August 2021 // 10:41

Lars Tietje ist neuer Intendant des Stadttheaters Bremerhaven und hat uns auf dem Barhocker vom Hotel Haverkamp erzählt, was ihn antreibt und wann er Schlager singt.

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Als der Anruf aus Bremerhaven kam

„Ich habe schon früher Inszenierungen in Bremerhaven besucht, habe das Musical Jekyll & Hyde gesehen und auch die Schostakowitsch-Oper Lady Macbeth von Mzensk genossen – das war eine Riesenkiste. Und weil ich schon als Kind regelmäßig Urlaub an der Nordsee gemacht habe, hege ich eine große Affinität zur Küste.

Als Marc Niemann dann anrief und fragte, ob ich einen Job suche, war für mich schnell klar, was ich wollte. Nur meine Frau musste ich erst noch überzeugen, denn als Ostseekind ist das für sie gefühlt noch die falsche Seite am Wasser.“ Lars Tietje lacht gelöst und zwinkert verschmitzt.

Da er sich schon früher mehrfach mit seinem Vorgänger Ulrich Mokrusch bei Intendantentreffen ausgetauscht hatte, wusste er schon ungefähr, was in Bremerhaven auf ihn zukommt. „Wir haben uns immer vertrauensvoll über die Schulter geschaut. Ich habe gestaunt, wie man hier mit derartig schlanken Strukturen so ein Programm auf die Beine stellt – sowohl vom Umfang als auch von der Qualität. Anders als in Staatstheatern sind wir hier mit einem kleineren Etat ausgestattet. Es hängt von den Leuten ab und ich finde es toll, wie kreativ und pragmatisch hier alle Herausforderungen gelöst werden. Die Werkstätten sind klasse, sie zaubern viel aus wenig. Die Bauproben sind sehr konstruktiv und es hat noch nie einer gesagt, das geht nicht.“

Neue Wege beschreiten

Der 54-Jährige möchte das bestehende Publikum des Stadttheaters glücklich wissen, aber auch neue Wege beschreiten und Schwerpunkte setzen. „Das Operettenpublikum nimmt ab und es gilt, junges Publikum zu erreichen, für die Opern und Schauspiel für den Einstieg zu anspruchsvoll sind. Wir wollen uns neu positionieren, etwas Poppiges auf die Beine stellen.

Chicago lieben die Menschen meiner Generation alle, aber es ist wichtig, auch diejenigen zu erreichen, die damit nicht sozialisiert sind. Daran haben der Leiter des Musiktheaters, Markus Tatzig, und ich beide großes Interesse und wir möchten gerne Musiktheater des 21. Jahrhunderts für ein breites Publikum machen, das auch aktuelle, gesellschaftliche Themen behandelt.“

Fühle mich hier wohl

Obwohl Lars Tietje erst Ende Juli nach Bremerhaven gezogen ist, hat er die Seestadt und das Stadttheater schon lange lieb gewonnen. „Ein Freund meines Vaters lebt hier und der hat schon früher zu Besuchen immer Zeitungsausschnitte vom Theater mitgebracht. Ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt, habe zwar in Hamburg, Kassel und Köln gelebt, aber fühle mich in Städten dieser Größe wohler.

Bremerhaven ist eine schöne Stadt, der Hafen, der Deich, Ebbe, Flut, die frische Luft. Ich habe mich mit Menschen hier unterhalten und viele sagten, sie wollten nur für ein paar Jahre bleiben und sind hier hängen geblieben. Die gesetzte, verbindliche Freundlichkeit der Bremerhavener mag ich wirklich sehr gern.“ Und ergänzt: „Anders als in Köln. Da sind die Leute alle etwas drüber.“

Drüber im Sinne von hinweg ist Lars Tietje auch über die Vorkommnisse im Rahmen seiner Intendanz am Schweriner Staatstheater. Diese hatten für eine Diskussion in der Öffentlichkeit gesorgt (Die NZ berichtete). „Ich habe viel über mich selbst gelernt, gehe an vieles anders ran. Ich bin auf die Nase gefallen und habe mich nach langem Abwägen, Gesprächen mit Kollegen und meiner Familie dann vor zwei Jahren entschieden, den Vertrag in Schwerin nicht zu verlängern.

Als mir wichtige Menschen das Okay gegeben hatten, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich konnte anfangen, das Erlebte aufzuarbeiten.“ Der Familienvater besuchte mehrere Coachings, einen sogar zusammen mit seiner Frau. „Das hat uns sehr gutgetan, denn ich habe gelernt, besser zu kommunizieren und auch loszulassen. Bis dahin habe ich zum Beispiel Stress von der Arbeit immer mit nach Hause gebracht, ihn verdrängt und nicht verarbeitet. Früher war ich gefühlt in einer Rechtfertigungsschleife gefangen, trat auf der Stelle. Durch diesen Schritt zurück habe ich meine Perspektive auf Dinge verändert, reflektiert. Das war ein schwieriger Prozess, aber er hat mich menschlich stärker gemacht.“

Die Corona bedingte Spielpause gab dem Intendanten darüber hinaus mehr Zeit für und mit seiner Familie, den drei Söhnen im Alter von 21, 16 und 14 Jahren und seiner Frau. Der Älteste studiert mittlerweile als lyrischer Bariton klassischen Gesang in Hannover. „Ich habe keine Stimmlage, deshalb habe ich Klavier studiert und Sänger begleitet, um so meine Sehnsucht nach Gesang zu stillen. Fürs gemeinsame Singen mit der Familie oder auf Partys inklusive Schlager, reicht es aber. Die Hauptsache ist doch, dass Menschen am Singen Spaß haben und glücklich sind.“

Tietje ist Fußballfan

Und dann lüftet Lars Tietje noch ein Geheimnis: „Die Jungs und ich bolzen gerne draußen zusammen auf dem Fußballplatz oder wir schauen uns Fußball im Fernsehen an. Bundesliga oder auch Champions League, wenn ich abends keine Vorstellungen habe. Theater geht bei aller Fußball-Liebe natürlich vor“, lacht er.

Das ist eine Steilvorlage für die Gretchenfrage des Abends: „Nun sag’, wie hast du’s mit der (Vereins-) Religion?“ Stille. Der 54-Jährige hüstelt beinahe verlegen, lässt die Blicke hastig durch Haverkamps Bar streifen. Schaut seinem Gegenüber dann fest in die Augen, holt tief Luft und gesteht: „Ich bin HSV-Fan. War ich schon immer. Poster von Horst Hrubesch und Manni Kaltz hingen über meinem Bett als ich ein Junge war. Das ist ein Teil von mir und geht nicht weg. Ich hoffe, die Bremerhavener mögen mich trotzdem.“

Von Rita Rendelsmann (Text), Yvonne Bösel (Studio 23, Fotos), in der Bar des Vier-Sterne-Superior Hotels Haverkamp

„Hier wird aus wenig
viel gezaubert“

Foto: Yvonne Bösel / Studio 23

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