Henning Wehland

Henning Wehland erzählt in der Schnackbar von seinen vielseitigen Projekten.

Foto: Cristobal Bullwinkel

Kultur

Interview

Schnack-Bar mit Henning Wehland: Lampenfieber meets politische Ambitionen

12. November 2022 // 18:00

„Sensationell!“ Henning Wehlands Augen strahlen. Er unterstreicht seine Begeisterung für den Shot, den Barkeeper Ron de Preter uns zum Probieren über den Tresen gereicht hat, indem er den letzten Rest Milchschaum mit dem Finger aus dem Glas streicht, bevor er ihn genüsslich abschleckt.

Wie Apfelkuchen im Glas

Ron lächelt wissend, hatte unsere Frage, wie die Shots, die optisch wie gezapfte Mini-Biere anmuten, mit der Aufforderung: „Probiert einfach und sagt mir, wonach das schmeckt“ beantwortet. Das kleine Gesöff hat es in sich - zumindest, was die Explosion der Geschmacksknospen im Mund angeht – denn es ist alkoholfrei. „Das schmeckt wie Apfelkuchen im Glas“, urteilt Henning und wartet die Antwort des Barchefs der New York Bar im Hotel „The Liberty“ ab. „Der Shot heißt Apfelstrudel und besteht aus naturtrübem Apfelsaft, Vanillesirup und Milchschaum mit Zimttopping. Simpel und doch so gut“, grinst Ron jetzt.

Vor Auftritten einen nervösen Magen

Dieses Extra von de Preter, dessen liquide Kreationen schon internationale Preise eingeheimst haben, ist sozusagen das Schaumkrönchen eines ähnlichen köstlichen Gesprächs mit dem vielseitigen und umtriebigen Künstler und Manager vor seinem Auftritt mit seiner Band HBlockX beim Deichbrandfestival diesen Sommer. „Ich habe vor Auftritten immer einen nervösen Magen, kann nichts essen“, verrät der 50-Jährige, dem bis dahin äußerlich nichts von seiner Nervosität anzumerken war. „Echt jetzt? Nach all den Jahren hast du noch Lampenfieber?!“, frage ich überrascht. „Ja klar, was denkst du denn? Das wird sich auch nicht ändern und es ist auch gut so, denn auf diese Weise bin ich fokussiert und kann auf der Bühne dann alles raus lassen.“ Die Frage, ob dies auch bei seinen zahlreichen Auftritten im Fernsehen in Quiz-Shows und als Coach bei Voice Kids der Fall ist, beantwortet er spontan. „Das sind ja zumeist Aufzeichnungen und ich dosiere diese bewusst niedrig. Denn wenn ich 90 Prozent meiner Zeit in TV-Shows unterwegs wäre, verwässerte das mein Bild als Musiker in der Öffentlichkeit. Meine eigentliche Profession und Passion würde in den Hintergrund geraten.“

Mit den Kids bei „The Voice“ auf Augenhöhe begegnet

„Bei Voice Kids hast du beide Aspekte verbunden – warst als Musiker und Coach für den Nachwuchs erfolgreich unterwegs – die beiden ersten Shows hast du gewonnen. Hast du den roten Stuhl freiwillig geräumt oder wurdest du wegkomplimentiert, damit andere Coaches auch eine Chance haben?“ Henning schaut nachdenklich. „Wenn man in solchen Formaten immer dieselben Gesichter sieht, nutzt sich das schnell ab. Man weiß irgendwann, was die Coaches sagen. Es waren die ersten Shows und ich bin überzeugt, dass andere Musiker aktuell mehr Zuschauerzahlen bringen.“

Henning Wehland

Foto: Cristobal Bullwinkel

Gerade diese aufrichtige Demut des vielseitigen Musikers und erfolgreichen Managers von Musikern wie u. a. Pohlmann und The Boss Hoss wirkt wie das Geheimnis seines nachhaltigen Erfolges. (Henning Wehland gewann die Show 2013 mit Michèle, 2014 mit Danyiom) „Ich musste den Talenten bei Voice Kids nichts erklären, die meisten von den Kindern konnten besser singen als ich. Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. Meine Aufgabe lag darin, die Stärken des Talents hervorzuheben und gleichzeitig klar zu kommunizieren, dass nur einer im Team gewinnen kann. Wenn sie ausscheiden, ist es an ihnen, als Musiker weiter zu machen, authentisch zu sein, ihr Ziel zu verfolgen. Das Hauptelement war für mich nie der Song, sondern die individuelle Weiterentwicklung der Talente als Musiker und Mensch.“

Bock auf viele Gigs mit HBlockX

„Du bist in so vielen Projekten aktiv, dass ich mich frage, ob dein Tag mehr als 24 Stunden hat und wie du es schaffst, alles unter einen Hut zu bekommen. Henning schmunzelt, nippt am „Wake Up Call“ und verdreht die Augen. „Geil! Warte bitte, davon muss ich eben ein Selfie machen für meinen Instagram-Account.“ Der umtriebige Musiker zückt sein Handy und fotografiert sich mit dem Drink, bevor er antwortet. „Aktuell hab ich nach der Live-Zwangspause voll Bock auf viele Gigs mit HBlockX. Mir macht auch das Schreiben und Produzieren neuer Songs Spaß. Aktuell recherchiere ich aber für einen Kumpel, zu seinem geplanten Podcast mit dem Thema „Wo ist der deutsche Punk geblieben?“ Außerdem unterstütze ich auch ein Projekt des Sängers der Band NOFX, der in Las Vegas ein Museum of Punkrock eröffnen will. Punk hatte ja ursprünglich das Ziel, aus dem Chaos heraus etwas Neues zu errichten, fernab von Kapitalismus und Statussymbolen. Ich finde mich darin wieder, denn auch ich brauche keinen dicken Wecker an meinem Handgelenk, um mich als Mensch wertvoll zu fühlen.“

Praktikum beim Bürgermeister

Henning lebt sowohl in Münster als auch in Berlin, hat mit seiner Ehefrau Kira einen alten VW T2 Campingbulli „aufgehübscht“ und ist seit jeher gesellschaftspolitisch interessiert. „Ich war als Jugendlicher Klassen- und Schulsprecher und hab gesagt, ich werde einmal Bürgermeister von Münster. 2019 habe ich ein Praktikum beim amtierenden Bürgermeister gemacht. Ich finde die Fridays-for-Future-Bewegung gut. Was die erreicht haben, fällt jetzt in der Aufmerksamkeit anderen brisanten Themen zum Opfer. Ich war mir aber schon früher der Problematik des Klimaschutzes relativ bewusst, bin Leuten hinterhergelaufen und habe deren Plastikmüll eingesammelt und entsorgt. Die aktuelle Politikverdrossenheit liegt meiner Meinung nach auch daran, dass die Menschen oft von Politikern schnelle Lösungen erwarten, was selten möglich ist. Es braucht gute Kommunikation. Die Leute wünschen sich einfache Antworten auf immer kompliziertere Zusammenhänge.“

„Der letzte an der Bar“

„Apropos komplizierte Zusammenhänge: du hast für das Album „Der letzte an der Bar“ ein 12-minütiges Video mit deutschen Musikern von Rang und Namen aufgenommen, dein Instagram-Account heißt auch so. Du trinkst aber keinen Tropfen Alkohol. Wie passt das zusammen?“ Henning schaut mir direkt in die Augen und antwortet: „Ich habe mein Fässchen getrunken. Das reicht für ein Leben.“

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