Jumpa auf dem Barhocker

Der Bremerhavener Lennard Oestmann (alias „Jumpa“) ist erfolgreicher Musikproduzent in Berlin.

Foto: Yvonne Bösel studio 23

Lotse

Barhocker: Produzent „Jumpa“

Nudeln mit Ketchup und Champagnergeschenke

30. November 2021 // 12:00

Als Schüler hat er in der Pause für 15 Euro den Klassenkameraden seine Beats verkauft. Als 27-Jähriger produziert Lennard Oestmann alias „Jumpa“ für internationale Musiker und angesagte Rapper ganze Tracks und Alben, die auf der ganzen Welt über Streamingdienste und YouTube millionenfach gehört und heruntergeladen werden.

„Ich habe während der Oberstufe nach Schulschluss die meiste Zeit zu Hause bis Mitternacht an Beats getüftelt und oft erst morgens um 8 Uhr in der Cafeteria noch schnell meine Hausaufgaben erledigt“, erinnert sich Lennard an diese Zeit.

Er meldete sich bei der GEMA an, verkaufte seine Beats online und erhielt nach einem Jahr die erste GEMA-Abrechnung. „Ich bekam 40 Euro Taschengeld im Monat und die haben mir auf einen Schlag 1200 Euro überwiesen. Das hat mich echt vom Hocker gehauen.“ Die Summe hat er damals sofort reinvestiert. „Für 800 Euro habe ich Studio-Equipment gekauft und für 400 eine Playstation.“ Dies war auf jeden Fall der erste Meilenstein für seinen weiteren Lebensweg, denn nach dem Abitur 2014 ist er mit einem Vertrag von Sony in der Tasche nach Berlin gezogen.

Vorschuss

„Sony hat mir einen Vorschuss gezahlt, von dem ich etwa ein Jahr leben konnte. Parallel habe ich eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien mit Schwerpunkt Musikrecht absolviert.“ Wie kann man sich deinen damaligen Tagesablauf vorstellen? (Lennard lacht kurz auf und schüttelt in Gedanken den Kopf.) „Von 9 bis 17 Uhr war ich im Ausbildungsbetrieb und bis 0 Uhr habe ich im Studio produziert.“

„Jumpa“ muss schmunzeln, als er an die Fahrten in seinem alten Polo denkt.

„Jumpa“ muss schmunzeln, als er an die Fahrten in seinem alten Polo denkt.

Foto: Yvonne Bösel studio 23

Es sei keine einfache Zeit gewesen – aber: „Wer seine Leidenschaft zum Beruf machen und sich selbstständig machen will, muss damit klarkommen, dass man sich voll reinhängen muss und es trotzdem Zeiten gibt, wo das Geld nur für Nudeln und Ketchup reicht. Aber als dann Produktionen erfolgreich liefen, hat mir der Verlag auch schon mal eine Flasche Champagner geschickt.“

„Cherry Cherry“

Lennard hat im Studio Beats für angesagte Rapper wie Apache, Sido, Kool Savas und J Samuelz gearbeitet. Momentan läuft seine Magestick Co-Produktion „Immer wenn ich gehen will“ von Montez und Elif im Radio rauf und runter und verzeichnet auf YouTube über 2,5 Millionen Aufrufe. Den größten kommerziellen Erfolg aber verzeichnete er mit Capital Bra und dem Rap-Cover von Modern Talkings „Cherry Cherry“. „Der Beat dazu ist mir eingefallen, als die Musiker zur Mittagspause waren und ich stattdessen im Studio weiter für mich rumprobiert habe. Als die zurückkamen, habe ich ‚Capi‘ den Beat vorgespielt und er fand ihn geil. Eigentlich wollte ich den noch weiter ausarbeiten, aber er wollte den genauso lassen. Das war aus meiner Sicht nicht meine beste, aber kommerziell bis jetzt meine erfolgreichste Arbeit.“ Allein auf YouTube wurde der Track 67-millionenfach gestreamt.

Shitstorm für Texte

Trotz dieser Erfahrungen und der täglichen Arbeit mit angesagten Musikern – und mit zum Teil streitbaren Rappern – ist Lennard auf dem Teppich geblieben. Er hält sich fern von Drogen, Gangs und konfliktträchtigen Songinhalten. „Wenn ich arbeite, muss ich einen klaren Kopf haben und meiner Wahrnehmung unbeeinträchtigt vertrauen können. Alles andere wäre unprofessionell. Ich bin für Rapper und andere Musiker ein Dienstleister, der die Beats und Sounds optimiert und produziert. Das muss 100 Prozent auf dem Punkt sein. Wenn die Kunden für ihre Texte einen Shitstorm ernten, müssen sie selbst damit klarkommen.“

Bayerische Schlager

Von dir sind ja viele Tracks und Beats im Netz unterwegs. Wie beurteilst du diese Arbeiten rückblickend? Gibt es auch Produktionen, die du heute anders machen würdest? „Auf jeden Fall, ich habe mich ja weiterentwickelt. Insbesondere in meiner Anfangszeit habe ich Sachen nur produziert, weil ich leben musste. Da kannst du nicht wählerisch sein. Ich hab sogar bayerische Schlager produziert. (grinst) Aber was soll ich sagen, ich war jung und brauchte das Geld. Aber eigentlich höre ich meine Tracks nur so lange, bis sie fertig produziert sind. Danach habe ich damit abgeschlossen.“

"Jumpa" war als Produzent schon auf der ganzen Welt im Einsatz.

„Jumpa“ ist ein entspannter, zurückhaltender Charakter.

Foto: Yvonne Bösel studio 23

Spende für Schule

Nicht abgeschlossen hatte Lennard offenbar mit seiner Zeit am Bremerhavener Schulzentrum Carl von Ossietzky. Denn diesem ließ er im Sommer ein erstklassiges Musikstudio im Wert von 10000 Euro einrichten. „Ich habe mich an meine Wurzeln erinnert und versucht, die Person zu sein, die ich früher selbst gebraucht hätte. Wenn ich dort damals so ein Studio gehabt hätte, wäre ich lieber zur Schule gegangen.“ Er erzählt von seinem ersten Auto, einem alten VW Polo, den er für 600 Euro ergattert hatte. „Da ist dauernd beim Fahren die Elektronik ausgefallen, sodass ich beim Ausrollen krampfhaft versucht habe, den Gang wieder rein zu bekommen, bevor er ganz verreckt.“ Heute fährt Lennard einen imposanten Mercedes AMG GLE. „Mercedes war schon immer mein Traumauto, das war eine der Visionen, die ich hatte: dass ich mir so ein Auto leisten kann.“

Egoisten fern bleiben

Bei diesen Worten zupft der erfolgreiche 27-Jährige, der für Produktionen schon in Los Angeles, Miami, Cancún und Tokio war, beinahe verlegen an seiner Cap. „Ich mag keine Arroganz und versuche, mich von Egoisten fernzuhalten. Ich lebe nicht nur für mich selbst, sondern eher nach dem Win-Win-Prinzip – eine Hand wäscht die andere. Und ich vergesse nicht, wo ich her- komme.“

Passt ins Bild, denn diese Einstellung hat ihn zu der Spende an seine ehemalige Schule veranlasst und lässt ihn den Hut vor Fynn Kliemann ziehen: „Den bewundere ich für sein Lebenswerk. Was der alles für einen guten Zweck auf die Beine stellt, ist aller Ehren wert. Davon können wir uns alle eine Scheibe abschneiden.“

Von Rita Rendelsmann (Text), Yvonne Bösel
(Studio 23, Fotos), in der Bar des Vier-Sterne-Superior Hotels HAverkamp

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