Häufig wird die Alexithymie erst während einer Psychotherapie erkannt

Menschen mit Alexithymie sind wegen Problemen im Kontakt mit anderen oft bedrückt. Häufig wird die Alexithymie erst während einer Psychotherapie erkannt

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Blind für das eigene Innere

16. März 2021 // 00:00
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Als der Psychotherapeut seine Patientin fragte, wie es sei, sich wütend zu fühlen, antwortete sie, sie benutze den Ausdruck zwar, „aber in Wirklichkeit ist es schwierig, es in Worte zu fassen.“ Der fiktive Dialog spiegelt eine Persönlichkeitsstruktur wider, die für Betroffene und ihr Umfeld vielfach belastend ist – sie haben wenig Zugang zu ihren Gefühlen, leben mit „Alexithymie“.

Gefühle diffus erlebt

Manche dieser Menschen wirken distanziert, hölzern, nüchtern oder langweilig. „Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Gefühle haben“, sagt Dr. Astrid Maroß, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im AOK-Bundesverband. „Sie erleben Gefühle allerdings mehr als diffuse Erregungszustände, ohne diese einordnen oder mitteilen zu können.“ Betroffene könnten zum Beispiel bei Angst ein mulmiges Gefühl in der Magengegend spüren. Sie wüssten diese körperliche Empfindung aber schlecht zu deuten. Wenn Menschen jedoch eigene Gefühle gut wahrnehmen und beschreiben könnten, helfe es ihnen enorm, zwischenmenschliche Konflikte oder stressbelastete Erlebnisse zu verarbeiten.

Etwa jeder Zehnte ist betroffen

Bei der Alexithymie handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Charaktereigenschaft. Studien legen nahe, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Bei Patienten, die sich psychotherapeutische Hilfe suchen, scheint der Anteil noch höher zu sein. Wer keinen Zugang zu eigenen Empfindungen hat, kann dadurch krank werden. Betroffene können ihre Gefühle oft nur über körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen ausdrücken, für die Ärzte dann keine eindeutige organische Ursache finden, sagt die Medizinerin.

Dauerhafte Beschwerden

So können sich dauerhafte psychosomatische Beschwerden und Krankheitsbilder wie Essstörungen, Angst- oder Suchterkrankungen, chronische Schmerzen sowie Depressionen entwickeln. Auch bei Erkrankungen wie Bluthochdruck, Rheuma oder entzündlichen Darmerkrankungen macht Alexithymie das Leben schwerer.

Ursachen wenig erforscht

Die Ursachen für die Gefühlsblindheit sind recht wenig erforscht. Manche Wissenschaftler vermuten frühe Kindheitserfahrungen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass Eltern wenig feinfühlig und liebevoll auf das Baby reagiert haben, sodass das Kind nicht gelernt hat, seine Empfindungen zu deuten. Bei Erwachsenen kann eine Traumatisierung dazu beitragen: Der Betroffene hat so viel körperliche oder seelische Gewalt erfahren, dass er „verlernt“ hat, seine Gefühle wahrzunehmen, um sich vor unaushaltbaren Emotionen zu schützen.

Belastung für das Umfeld

Die Betroffenen sind oft bedrückt, auch weil sie merken, dass sie Probleme im Kontakt mit anderen haben. So wundern oder beklagen sich ihre Mitmenschen zum Beispiel über ihr mangelndes Einfühlungsvermögen und über ihren sparsamen Gefühlsausdruck. Eine abweisend wirkende Art oder extreme Sachlichkeit, die wenig Zärtlichkeit zulässt, belastet Partner, Kinder und Freundschaften.

Psychotherapie kann helfen

Viele Menschen mit Alexithymie versuchen sich anzupassen, indem sie Mimik und emotionale Reaktionen anderer kopieren. Diese Strategie wird aber von der Umwelt nicht als authentisch erlebt und führt zu weiteren Irritationen. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, in das Reich der Gefühle (wieder) einzutreten. Oft wird Alexithymie dort überhaupt erst festgestellt, denn zur Psychotherapie sind Patienten zunächst wegen einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung gekommen. „Hilfreich sind gerade erlebnisorientierte Verfahren wie eine Gruppentherapie“, erklärt Maroß. (ams)

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