Wenn das Chaos zwanghaft wird, hilft oft nur noch professionelle Unterstützung.

Wenn das Chaos zwanghaft wird, hilft oft nur noch professionelle Unterstützung.

Foto: Colourbox

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Das Messie-Syndrom: Geborgenheit im Chaos

2. Oktober 2020 // 00:00

Gelesene Zeitungen, alte Kalender, Kleidung, Schuhe, Kisten mit Fotos: In den Zimmern sogenannter Messies herrscht heilloses Durcheinander. Das Chaos ist die Auswirkung einer psychischen Störung. Fachleute nennen sie auch zwanghaftes Horten.

Leben auf schmalen Gängen

In den Wohnungen der Betroffenen ist es oftmals eng. Manchmal können sie sich nur noch in schmalen Durchgängen bewegen. „Aber Messies sind nicht zu faul, um aufzuräumen“, betont Birgit Lesch, Diplom-Psychologin der AOK. „Aus tieferliegenden psychischen Gründen fällt es ihnen extrem schwer, sich von Gegenständen zu trennen.“

Geborgenheit im Chaos

Alle Dinge, die in den Wohnungen stehen und liegen, haben einen hohen emotionalen Wert für die Betroffenen: Sie geben Halt und Geborgenheit und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten. Deshalb sei es auch wenig hilfreich, wenn andere die Wohnung aufräumen oder säubern, sagt die Psychologin. „Das kann panische Ängste auslösen. Für manche fühlt es sich an, als würde ihr Leben weggeworfen.“

Betroffene aus allen Schichten

Das Messie-Syndrom ist gar nicht so selten: Schätzungsweise jeder 20. Mensch in Deutschland ist davon betroffen. Die Störung kommt in allen sozialen Schichten vor. Der Sozialleistungsempfänger kann ebenso betroffen sein wie die Konzernchefin. Entgegen einem gängigen Vorurteil lebt nur eine Minderheit zwischen Essensresten, Schmutz und Müll. Meistens sieht man Messies nicht an, welches Chaos bei ihnen zu Hause herrscht. Nach außen hin können sie gut funktionieren und im Beruf erfolgreich sein.

Fließende Übergänge

Der Übergang von einer gewissen Unordnung, die lebendig macht und auch die Kreativität fördert, hin zur krankhaften Unordnung sei fließend, sagt die Psychologin. Sie führt das Beispiel eines Mannes an, der von seinen Reisen Motoren und Maschinen mitbringt, weil er ein Liebhaber von Technik ist: „Wenn die Sammelleidenschaft aber dahin führt, dass sich der Betroffene des Durcheinanders schämt und niemanden mehr zu sich nach Hause einlädt, dann ist die Grenze überschritten.“

Diagnose: Pathologisches Horten

Im amerikanischen Klassifikationssystem der Erkrankungen gibt es inzwischen auch eine eigenständige Diagnose unter dem Begriff „Pathologisches Horten“.

Erforscht ist das Krankheitsbild noch wenig. Offensichtlich spiegelt das äußere Chaos das innere Chaos wider. „Das Ansammeln von Gegenständen ist als Versuch zu werten, unerträgliche Gefühle zu unterdrücken“, erklärt AOK-Expertin Lesch. „Ungelöste innere Konflikte sollen durch das unkontrollierte Sammeln bewältigt werden.“ Häufig hätten Betroffene schon in der Kindheit einschneidende Trennungen erlebt. „Mit dem Wegwerfen der Gegenstände kommen tiefe Verlustgefühle wieder hoch.“ Viele Messies hätten Probleme mit ihrem Selbstwert, sie könnten sich nur schlecht konzentrieren und hätten große Angst vor falschen Entscheidungen.

Mit fremder Hilfe das Chaos lichten

Eine Psychotherapie kann einerseits pragmatische und einfühlsame Hilfe dabei geben, wie die Betroffenen das Chaos lichten können. Andererseits können „Messies“ und „Horter“ mit psychotherapeutischer Unterstützung tieferliegende Ursachen angehen. Möglicherweise kann auch ein Soziotherapeut oder eine psychiatrische Pflegekraft zu Hause Unterstützung bieten. Die Betroffenen lernen, besser zu entscheiden, was wegsortiert werden kann und was nicht. Ist erst einmal eine Kiste aussortiert, kann diese positive Erfahrung dazu ermuntern, weiterzumachen. Eine Selbsthilfegruppe macht es möglich, die Probleme mit anderen Betroffenen zu besprechen. (ams)

Weitere Informationen gibt es beim Psychotherapie-Informationsdienst unter www.psychotherapiesuche.de

http://www.aok.de/bremen

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Foto: AOK

Ab wann wird Chaos zwanghaft? Diese Punkte geben Orientierung.

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