Prof. Dr. Dr. Alexis Papathannasisist ein aufmerksamer Zuhörer.

Prof. Dr. Dr. Alexis Papathannasis
ist ein aufmerksamer Zuhörer.

Foto: Yvonne Bösel Studio 23

Wissen

Der Moment zwischen Reiz und Reaktion

29. April 2021 // 11:05

„Momentan ist schon allein der Posteingang meines E-Mail-Accounts eine Herausforderung“, schmunzelt Professor Dr. Dr. Alexis Papathanassis, neuer Rektor der Hochschule Bremerhaven und zeigt kurz das Display seines Handys, das den Eingang von 28 E-Mails in den vergangenen zehn Minuten meldet (Es ist 19 Uhr). Der 46-Jährige ist es gewohnt, sich schnell auf neue Situationen, Menschen und Aufgaben einzustellen und schildert, wie er diese Herausforderung bewältigen will.

„Meine Aufgaben an der Hochschule waren schon immer in drei Aspekte aufgeteilt: 1. Lehre, 2. Forschung, 3. Verwaltung, diese Management-Aufgabe war ich als Dekan des 2. Fachbereichs gewohnt. Nun ist aber der Verwaltungsteil viel größer geworden und ich musste mich schnell über Bereiche schlau machen, mit denen ich vorher nichts zu tun hatte. So bin ich zum Beispiel jetzt damit konfrontiert, die gesamte Hochschule lokal zu repräsentieren. Das ist neu für mich.“

Hinzu kommt auch die Aufgabe, die Prozesse innerhalb der Hochschule durch die Corona-Pandemie neu zu gestalten und immer kurzfristig zu reagieren. „Wir waren damit konfrontiert, die Herausforderung der Präsenzklausuren zu meistern. Die Lösung lag dann darin, ein Schnelltest-Zentrum aus dem Boden zu heben. Das haben wir neben dem täglichen Geschäft geschafft, das es ebenfalls am Laufen zu halten galt. Mit einem völlig neuen Team ist das gar nicht so einfach unter einen Hut zu bringen.

Offenes Miteinander wichtig

Für mich hat dabei Priorität, die Mitarbeiter zu motivieren, positiv zu unterstützen und zu fordern und einen offenen, freundlichen Umgang miteinander zu pflegen. Ich bin immer dafür, Befindlichkeiten und Probleme offen anzusprechen, wünsche mir aber auch Lösungsvorschläge. Für mich gilt, den Blick für das Wesentliche zu behalten – die Lösungsorientierung. „Nachdem Alexis Papathanassis einen großen Schluck von seinem doppelten Espresso getrunken hat, lehnt er sich entspannt in seinem Barhocker nach hinten und schaut mich erwartungsvoll an. „Heißt das, Sie sind in erster Linie auf Resultate fokussiert, weniger auf Prozesse?“ Mein Gegenüber runzelt nachdenklich die Stirn, hält Augenkontakt. Als er endlich antwortet, ist sein Gesichtsausdruck milde. „Am Ende des Tages sind wir doch alle Menschen. Was gerne vergessen wird, ist die Intention eines Individuums. Wenn jemand etwas Gutes erreichen wollte, aber nicht erfolgreich war, ist doch dieser Aspekt auch zu berücksichtigen. Und bevor über jemanden bei Misserfolgen oder Meinungsverschiedenheiten hergefallen wird, empfehle ich, den Moment zwischen Reiz und Reaktion um drei Sekunden zu verlängern. Einfach im Kopf runterzählen, wenn man sich provoziert fühlt, bevor darauf geantwortet wird. Damit kann man sich und anderen viel Ärger ersparen. Reflexe sind gut beim Autofahren, aber im Umgang mit Menschen ist es hilfreich nachzudenken, bevor man den Mund aufmacht. Ich versuche das auch täglich zu beachten, auch wenn ich – wie wir alle – oft im Arbeitsalltag auf Autopilot geschaltet habe.“

„Aber wann ist man Ihrer Meinung nach ehrlicher? Wenn man instinktiv antwortet oder erst überlegt?“ Jetzt wird der Blick von Alexis Papathanassis bohrend und er kontert nach exakt drei Sekunden mit einer Gegenfrage: „Was ist wichtiger? Ihre persönliche Wahrheitsempfindung oder können Sie sich vorstellen, sich selbst zurück zu nehmen, um anderer Menschen willen? Wenn es Ihnen schlecht geht und Sie nach Hause zu ihren Kindern kommen, wollen Sie die dann mit Ihrer Wahrheit des Tages belasten oder diese einfach spielen und glücklich sein lassen? Wir nehmen uns oft selbst zu wichtig und es kann hilfreich sein, zuerst an andere zu denken. Ich maße mir nicht an, der Behüter der Wahrheit zu sein, ich versuche nur, das Beste zu tun und dabei nicht nur an mich zu denken.“

Geradlinig mit klaren Grenzen

„Inwieweit beherzigen Sie diese Bedachtheit, wenn es um ihre Töchter im Teenageralter geht?“, lautet meine – upps – spontane Nachfrage. Alexis Papathanassis sieht mich amüsiert an, zuckt mit den Schultern und zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche. „Ich bin empirisch veranlagt. Fragen Sie die beiden doch am besten selbst.“ Als das Gesicht der 17-jährigen Valia auf dem Display erscheint, informiert mein Gesprächspartner seine Tochter locker über das Interview und dass ich sie etwas fragen möchte. „Hallo Valia. Ich möchte gerne wissen, wie Euer Vater im Alltag mit Euch umgeht.“

„Ohh, ich kenne ihn sehr gradlinig, liebevoll aufbauend, aber auch mit klaren Grenzen. Er hat nie schlechte Laune, aber mag es überhaupt nicht, wenn jemand respektlos ist. Er zeigt mir und meiner Schwester immer, wie stolz er auf uns ist.“ Während Valia das erzählt, geht sie in das Zimmer ihrer Schwester Zoe und erklärt kurz, worum es geht. Zoe zögert nicht lange mit ihren Kommentaren: „Papa rastet nie aus. Wenn ihn etwas ärgert, sprechen wir in Ruhe darüber.“ Ich möchte wissen, was für den Vater ein klares „No-Go“ ist. „Lügen oder stehlen geht überhaupt nicht“, antwortet die 15-Jährige prompt. „Aber egal was passieren sollte, er würde nie Dinge sagen, die uns verletzen könnten oder anderen schaden.“ Nach diesen spontanen Statements beenden wir den Videocall und mein Blick richtet sich auf den zärtlichen Ausdruck des Akademikers, der sichtlich gerührt wirkt. Fast entschuldigend hebt er beide Hände und sagt. „Was soll ich sagen … meine Töchter sind alles für mich.“

von Rita Rendelsmann (Text)

Yvonne Bösel (studio 23, Fotos)

in der Bar des Vier-Sterne-Superior Hotels Haverkamp

Der Moment zwischen Reiz und Reaktion

Foto: Yvonne Bösel Studio 23

Der Moment zwischen Reiz und Reaktion

Foto: Sonderthemenredaktion

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Foto: Yvonne Bösel, Studio 23

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