"Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast": Mit Zeilen wie dieser hat das NDR-Magazin extra 3 diplomatische Verwicklungen mit der Türkei ausgelöst.

"Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast": Mit Zeilen wie dieser hat das NDR-Magazin extra 3 diplomatische Verwicklungen mit der Türkei ausgelöst.

Foto: Koula/dpa

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Politik

Erdogan bestellt Botschafter ein, das Netz schlägt zurück

Von nord24
29. März 2016 // 15:45

Eine Satire des Norddeutschen Rundfunks über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat diplomatische Verwicklungen ausgelöst. Das Außenministerium in Ankara bestellte den deutschen Botschafter Martin Erdmann ein, um gegen den knapp zweiminütigen Videoclip zu protestieren. Nach Angaben aus türkischen Diplomatenkreisen vom Dienstag wurde in dem Gespräch ein Stopp der weiteren Ausstrahlung des Videos gefordert. Im Netz sorgte das Vorgehen der türkischen Regierung für einen Proteststurm.

Video kritisiert Erdogan zur Musik von Nena

Stein des Anstoßes war dieses Video der NDR Satire-Sendung "extra 3", das am 17. März ausgestrahlt wurde und zur Melodie von Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" Erdogans Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden auf die Schippe nimmt: Die Reaktion im Netz ließen nicht lange auf sich warten.

Erdogan als "beleidigte Leberwurst"

Das Online-Satire-Magazin "Der Postillion" griff das Thema auf und legte mit einem Artikel nach. In dem Text wurde Erdogan als "Mimose vom Bosporus" und "beledigte Leberwurst" bezeichnet. Er sei "offenbar intellektuell nicht imstande, die Ironie dahinter zu erkennen, wenn jemand rigoros gegen ein kritisches Video vorgeht, in dem ihm vorgeworfen wird, dass er rigoros gegen seine Kritiker vorgeht". Auch die Satire-Kollegen vom ZDF legten noch einmal nach: https://twitter.com/heuteshow/status/714758568394801153

Erdogan und der Streisand-Effekt

Schnell stellte sich durch die zahlreichen Reaktionen im Netz der so genannte Streisand-Effekt ein. Binnen weniger Stunden schnellten die Klick-Zahlen für das Video nach oben. Bis zum Dienstagnachmittag hatten sich schon knapp 700.000 Menschen das Video angeshen - am Tag der Veröffentlichung waren es gerade mal rund 10.000. Erdogan hat mit seiner Aktion so letztendlich das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte: Nicht weniger, sondern noch mehr Menschen sehen sich nun den Satire-Beitrag an: https://twitter.com/dav_s/status/714798384545185792 https://twitter.com/astsaft/status/714797996471402496
Wikipedia zum Streissand-Effekt: Als Streisand-Effekt wird ein Phänomen bezeichnet, wonach der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen, öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht und dadurch das Gegenteil erreicht wird, dass nämlich die Information einem noch größeren Personenkreis bekannt wird. Seinen Namen verdankt das Phänomen Barbra Streisand, die den Fotografen Kenneth Adelman und die Website Pictopia.com 2003 erfolglos auf 50 Millionen US-Dollar verklagte, weil eine Luftaufnahme ihres Hauses zwischen 12.000 anderen Fotos von der Küste Kaliforniens auf besagter Website zu finden war. Damit stellte sie aber erst die Verbindung zwischen sich und dem abgebildeten Gebäude her, woraufhin sich das Foto nach dem Schneeballprinzip im Internet verbreitete.
">@extra3 überhaupt nicht gucken,aber jetzt jeder diesen Beitrag kennt. #Erdogan— kasulja (@kasulja) March 29, 2016 Der Politiker Bernd Riexinger (Linke) stellte die Frage nach der Satire hinter der Satire: https://twitter.com/b_riexinger/status/714773815218278400 Und der Twitter-Nutzer Bernd Weißgraeber fragt sich, ob der NDR-Beitrag nicht eher Dokumentation denn Satire ist: ">@extra3 Beitrag war Satire? Ich dachte, das wäre eine Dokumentation gewesen, die von der Realität eingeholt worden ist.

Okay, dann helfe ich mal es zu verbreiten https://t.co/cQ2ADmObrY #Pressefreiheit #Erdogan https://t.co/HdRcxScnWc— David Schimm (@dav_s) March 29, 2016">#Erdogan— Robert Weißgraeber (@robert_we) March 29, 2016 Auch die Redaktion von "extra 3" legte noch einmal nach und kürte Erdogan mit einem Foto auf ihrer Twitter-Seite zum "Mitarbeiter des Monats".

/status/714550534141771776 Außerdem richtete sie eine provokante Frage an die deutsche Botschaft in Ankara: "Kennen Sie den auch schon, @GermanyinTurkey?" - verlinkt wurde dann ein "extra 3"-Video von 2014, in dem Erdogan als Teufel dargestellt wird, der die Versammlungs- und Pressefreiheit unterdrückt. /status/714554780945891330 Damit nicht genug. Kurz darauf gab es dann noch Tweets zur englischen Version des Videos und zu einem Video über Erdogans angeblichen Propagandaminister Johannes Schlüter: /status/714747325399363585

Das Auswärtige Amt schweigt

Das Auswärtige Amt in Berlin schwieg zu der Einbestellung des Botschafters. Der Deutsche Journalisten-Verband nannte sie lächerlich. "Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren", sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht.

Der NDR kritisiert Ankaras vorgehen

Auch der NDR kritisierte das Vorgehen Ankaras. "Dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar", sagte NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz der Deutschen Presse-Agentur.

extra 3 will weiter Satire über Erdogan machen

Auf NDR Info nahm auch extra-3-Redaktionsleiter Andreas Lange Stellung. Er konnte zunächst gar nicht glauben, dass Erdogan derart auf die Satire reagiert habe. "So doof" könne man gar nicht sein, sagte er. Lange betonte aber auch, dass der inhaltliche Kern der Satire - Erdogans Vorgehen gegen politische Gegner - eigentlich gar nicht zum Lachen sei. Dass das Video nun stark verbreitet werde, gefalle ihm aber sehr. Er kündigte an, den Beitrag noch mit türkischen Untertiteln zu versehen und weiter über Erdogan berichten zu wollen.

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