Die Macht des Postfaktischen: Nach Recherchen der Faktenchecker-Seite "Politfact" sollen 70 Prozent seiner Sachaussagen im Wahlkampf falsch oder unsinnig und weitere 15 Prozent nur halb wahr gewesen sein. Dennoch (oder deshalb?)  wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt.

Die Macht des Postfaktischen: Nach Recherchen der Faktenchecker-Seite "Politfact" sollen 70 Prozent seiner Sachaussagen im Wahlkampf falsch oder unsinnig und weitere 15 Prozent nur halb wahr gewesen sein. Dennoch (oder deshalb?) wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt.

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Politik

Kommentar: Wenn Lügen belohnt werden

Von Tim Albert
9. Dezember 2016 // 15:07

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat "postfaktisch" zum Wort des Jahres erklärt. Die richtige Wahl, meint unser Redakteur Tim Albert. Selten zuvor seien politische Lügen so belohnt worden, schrieb er kürzlich in einem Kommentar für die Nordsee-Zeitung, den wir hier in aktualisierter Fassung wiedergeben:

Das Zeitalter der gefühlten Wahrheiten

Was ist der Unterschied zwischen einem Streit und einer Diskussion? Bei einer Diskussion geht es darum, herauszufinden, was richtig ist. Bei einem Streit geht es darum, wer Recht hat. Auf der Grundlage dieser Definition muss man konstatieren: Der Trend geht eindeutig zur Rechthaberei. Sehr sichtbar wird das in den politischen TV-Talks, bei denen vom ungeduldigen Moderator oder dem rhetorisch geschulten Kontrahenten jedem das Wort abgeschnitten wird, der anhebt, ein Argument anzubringen, das auch mal zwei Gedankengänge oder mehr miteinander verknüpft. Oder in den Abgründen des Internets, wo unflätigste Beschimpfungen und Bedrohungen Andersdenkender zum schlechten Ton gehören.
"Anderen die eigenen Gewissheiten um die Ohren hauen"
Wo es aber nur noch darum geht, anderen die eigenen Gewissheiten um die Ohren zu hauen, spielen Fakten naturgemäß eine untergeordnete Rolle – insbesondere jene Fakten, die eigene Überzeugungen, Wert- oder Vorurteile auch nur im Mindesten erschüttern könnten. Da geht es nicht um objektiv belegbare Tatsachen, sondern um gefühlte Wahrheiten – ein Umstand, für den Kanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich vor wenigen Monaten den Begriff „postfaktisch“ im deutschen Sprachraum bekannt gemacht hat. Ursprünglich geht er auf den US-Autor Ralph Keyes zurück, jetzt hat die Gesellschaft für deutsche Sprache ihn zum Wort des Jahres erklärt.
"Diffamierung "des Gegners bleibt folgenlos"
Tatsächlich scheinen Ergebnis und Ablauf der Präsidentschaftswahlen in den USA und des Brexit-Referendums in Großbritannien die These zu belegen, dass wir uns schon mitten im „postfaktischen Zeitalter“ befinden. Selten zuvor ist so viel offene Lüge, Wahrheitsverdrehung und -unterdrückung, so viel offene Diffamierung des Gegners politisch so folgenlos geblieben, ja sogar belohnt worden.
"Gefangen in der Echokammer"
Eine mögliche Erklärung liefert die Psychologie. Sie kennt das Phänomen des Bestätigungsfehlers – Menschen halten generell Informationen für glaubwürdiger, die ihre Ansichten bestätigen, als solche, die sie in Frage stellen. Dieser Effekt aber wird durch die Beschaffenheit der sozialen Netzwerke, die sowohl in Großbritannien als auch in den USA eine entscheidende Rolle gespielt haben, tausendfach verstärkt. Wer sich nur mit Menschen verknüpft, die die eigene Meinung teilen und nur Beiträge liest und positiv bewertet, die die eigene Meinung bestätigen, dem bietet der Algorithmus schon gar keine Beiträge mit einer alternativen Weltsicht mehr an. Der ist gefangen in der hermetisch verschlossenen Echokammer.
"Auch Journalisten haben zu der fatalen Entwicklung beigetragen"
Vor diesem Hintergrund ist wenig überraschend, dass auch die klassischen Medien für jene zum Feindbild geworden sind, die „Lügenpresse“ schreien, sobald eine veröffentlichte – und vor der Veröffentlichung geprüfte – Information nicht ihrem Weltbild entspricht. Allerdings darf man in diesem Zusammenhang nicht verschweigen, dass auch Journalisten ihren Beitrag zur Entsachlichung und Emotionalisierung geleistet haben und leisten. Wer als Leitartikler oder TV-Talkshow-Dauergast für sich in Anspruch nimmt, ewig geltende Wahrheiten zu verbreiten und den handelnden Amts- und Mandatsträgern im Vorbeigehen pauschal komplette Unfähigkeit unterstellt, der kann es auch hierzulande zu einiger Popularität bringen.
"Nie war Seriosität so wertvoll wie heute"
Dem gesellschaftlichen Klima allerdings täte auch an dieser Stelle etwas mehr Zurückhaltung und Nachdenklichkeit gut. Den gefühlten Wahrheiten gilt es, sauber recherchierte Fakten entgegenzusetzen – und klar gekennzeichnete Analysen und Kommentare, die sich als Beiträge zur Wahrheitsfindung verstehen, aus denen jeder Leser seine Schlüsse selbst ziehen muss. Gerade im postfaktischen Zeitalter gilt: Seriöser Journalismus, ob in gedruckter oder digitaler Form – nie war er so wertvoll wie heute.

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