Bremen: Fußball, Bundesliga, Werder Bremen - Hertha BSC Berlin, 8. Spieltag: Frank Baumann, Werders Geschäftsführer Sport, steht beim Interview auf dem Platz.

Werder-Geschäftsführer Frank Baumann geht in die Offensive.

Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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Sport

Werder Bremen: Baumann kontert öffentliche Attacken

Von Björn Knips und Daniel Cottäus, deichstube.de
27. November 2020 // 09:07

Dicke Luft beim SV Werder Bremen – die öffentlichen Attacken von Ex-Manager Willi Lemke und Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer gegen die aktuelle Führung konterte Frank Baumann als Geschäftsführer Sport nun mit einem deutlichen Vorwurf.

Werder Bremen: Ehemalige und aktuelle Führungskräfte sind sich nicht grün

„Ich habe schon ein bisschen das Gefühl, dass die Sorge um den Verein dazu benutzt wird, um persönliche Rechnungen zu begleichen. Das ist etwas, was ich grundsätzlich nicht gut finde“, antwortete Frank Baumann bei der Video-Pressekonferenz zum Bundesligaspiel in Wolfsburg (Freitag, 20.30 Uhr) auf die Frage zum Machtkampf bei Werder Bremen. Die ehemaligen und aktuellen Führungskräfte sind sich alles andere als grün. Das ist allerdings nicht neu bei Werder. Machtkämpfe gab es immer mal wieder, unterschiedlichste Seilschaften sorgten sogar dafür, dass prominente Mitglieder aus ihren Ämtern gedrängt wurden.

Fischer kritisiert Hess-Grunewald

Wie zum Beispiel 2014 Willi Lemke als Aufsichtsratschef. Der soll dafür seinen Nachfolger Marco Bode als Strippenzieher verantwortlich machen. Das ist vermutlich so eine offene Rechnung, die Baumann meinte. Bei Klaus-Dieter Fischer geht es ebenfalls um dessen Nachfolger als Präsident und Geschäftsführer: Dr. Hubertus Hess-Grunewald. Den hatte Fischer zwar 2014 selbst ausgesucht, aber dann schnell für nicht gut genug befunden. Seitdem kritisiert er ihn intern wie extern. Werder war das schon lange ein Dorn im Auge, im Sommer zogen Aufsichtsratschef Bode und Klaus Filbry als Vorsitzender der Geschäftsführung Konsequenzen, nachdem Fischer in einem Interview heftige Kritik an der Geschäftsführung – also Filbry und Hess-Grunewald – geäußert hatte.

Werder und der Konflikt mit dem Ehrenpräsidenten

Klaus-Dieter Fischer sollte im Weserstadion nicht länger mit seiner Frau in der Geschäftsführer-Loge sitzen, sondern andere Plätze bekommen. Obwohl sich beide Parteien nach einem heftigen Disput auf einen Kompromiss geeinigt hatten (Fischer bekam eine sechste Dauerkarte für seine Familie), machte der Ehrenpräsident die Geschichte vergangenen Samstag via „Bild“-Zeitung öffentlich. Werder Bremen empfand das als Affront. Und so sickerte durch und stand dann auch in der „Sport-Bild“, dass Fischer eine monatliche Rente von 249 Euro von Werder erhält (eine Ausgleichszahlung für entgangene Rentenansprüche bei seinem Wechsel vom öffentlichen Dienst zu Werder) und sein Handy weiterhin kostenlos nutzen darf.

Sechs Dauerkarten und ein Handy

„Ich bin seit über 60 Jahren Mitglied in dem Verein, habe rund 30 Jahre ehrenamtlich und rund 15 Jahre hauptamtlich in führenden Positionen für Werder gearbeitet. Darum sehe ich darin kein Problem, dass ich die insgesamt sechs Tickets und zum Beispiel das Handy bekomme, zumal ich heute noch viele Telefonate als Ehrenpräsident führe“, verteidigte sich Fischer in der „Sport-Bild“. Werder hatte offenbar erwartet, dass Fischer sich aufgrund der Zuwendungen loyaler, also weniger kritisch gegenüber dem Klub verhält.

Lemke greift Werders Transferpolitik an

Gleiches gilt im Prinzip auch für Lemke. Der bezieht schon seit 2006 eine Werder-Rente von rund 2500 Euro, wie die „Bild“ bereits 2011 berichtete. Das war zu Lemkes Zeit als Manager (1981 bis 1999) vereinbart worden. Nach seinem Engagement als Aufsichtsratsmitglied (2003 bis 2014) äußerte sich Lemke immer mal wieder kritisch über die Werder-Führung – vergangene Woche dann besonders deutlich. In einem Interview mit der Deichstube hatte der 74-Jährige angeprangert, dass Frank Baumann und Co. mit den Ausleihen von Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt und Davie Selke viel zu hoch gepokert hätten und die aktuelle finanzielle Schieflage des Clubs nicht nur mit der Coronakrise begründet werden dürfe. Denn durch die Kaufverpfichtungen sei Geld verplant worden, das noch gar nicht eingenommen war.

Lemke hofft auf eine Umbesetzung des Aufsichtsrates

„An so etwas kann ich mich bei Werder Bremen nicht zurückerinnern – und das sind immerhin 40 Jahre“, meinte Lemke. Zudem missfällt ihm, dass der Aufsichtsrat den im Sommer auslaufenden Vertrag mit Sportchef Frank Baumann langfristig verlängern will. Hintergrund: Weil die Mitgliederversammlung wegen Corona verschoben werden musste, konnte die Wahl zum Aufsichtsrat nicht durchgeführt werden. Und Lemke hofft auf eine Umbesetzung, führt dazu auch Gespräche mit Kandidaten wie zum Beispiel Jörg Wontorra.

Bei Werder ist hinter den Kulissen viel in Bewegung

Hinter den Kulissen ist bei Werder Bremen so viel in Bewegung wie lange nicht mehr – und ehemalige Protagonisten wie Lemke und Fischer tragen ihre Unzufriedenheit in die Öffentlichkeit, wobei Klaus-Dieter Fischer mit der Gegenbewegung zum aktuellen Aufsichtsrat nichts zu tun hat. „Das alles zeigt doch, dass die landläufige Meinung, in der Werder-Familie würde man nicht kritisch miteinander umgehen, nicht richtig ist“, versuchte Baumann, das Thema am Donnerstag erst noch ein wenig wegzulächeln. Doch der Spaß ist ihm und seinen Mitstreitern im Club wie Bode, Filbry und Hess-Grunewald inzwischen vergangen. „Im Interesse aller sollte immer sein, dass der Verein dabei gut wegkommt. Kritik sollte zielgerichtet sein“, forderte Baumann und lächelte längst nicht mehr.

Es gibt wohl recht tiefe Gräben

Der 45-Jährige erinnerte die Kritiker daran, dass sie früher selbst als Führungskräfte von Werder Bremen bei öffentlichen Angriffen sehr dünnhäutig reagiert hätten und bot einen neuen Dialog an: „Wir sind immer offen für Kritik. Jeder hat unsere Kontaktdaten, weiß, wo wir sitzen. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr miteinander anstatt übereinander sprechen.“ In der Vergangenheit ist das oft gelungen, es wurde zumindest ein Burgfrieden geschlossen. Diesmal scheinen die Gräben aber tiefer zu sein – und alle Rechnungen sind gewiss noch nicht beglichen... (deichstube/mb)

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