Hans Neblung

Hans Neblungbeim Interview im Hotel Haverkamp.

Foto: Bullwinkel studio23

Kultur
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Schauspieler, Sänger, Tänzer: Hans Neblung und seine besondere Bremerhaven-Beziehung

17. Mai 2022 // 14:31

Wenn Hans Neblung durch die Straßen von Bremerhaven spaziert, erkennen ihn die Menschen. „Bremerhaven ist meine kleine Insel, man kennt mich.“

„Mein Sandkasten“

In den Augen des wandelbaren Entertainers blitzt der Schalk auf, als er trocken ergänzt: „Wenn ich in Zürich auf der Straße unterwegs bin, kennt mich keiner.“ Der international erfahrene Tänzer, Sänger und Schauspieler hat nach eigenen Worten „eine spezielle Beziehung“ zur Seestadt. „Bremerhaven ist für mich immer Sandkasten. Ich kann Neues ausprobieren, mache Dinge, die ich woanders nicht dürfte. Ich kann Lieder in meinem Soloprogramm eine Terz tiefer intonieren oder einen Text auf eine andere Melodie singen und schauen, ob noch mehr zugehört wird. Das ist mein Privileg, hier bin ich frei“, schwärmt der 64-Jährige.

Hackordnung

„Auf der Bühne bist du sonst immer limitiert durch Staging, Kostüme und die Vorstellungen des Regisseurs. Regisseure sind Diktatoren, man macht, was die sagen oder man hat keine gute Zeit. Im Theater gibt es keine flache Hierarchie.“ Er spricht sachlich über die Theater-Realität und beobachtet gelassen, wie seine Worte langsam bei seinem Gegenüber einsickern und ihre Wirkung in deren Mimik aufsteigt wie der Dampf aus der Teetasse in seinen Händen. „Es gibt immer eine Hackordnung, in jedem Ensemble, in jedem Team, in jeder Familie. So war es auch in meiner.“

Hans Neblung.

Hans Neblung berichtet davon, dass es im Theater keine flachen Hierarchien gibt.

Foto: Bullwinkel studio23

Hans Neblung und sein Leben als Nesthäkchen

„Wo stand der kleine Hans denn in der Familienhierarchie und wie hat es ihn geprägt?“ Hans Neblung denkt kurz nach und beschreibt dann ohne weiteres Zögern die damalige Situation: „Wir haben mit sechs Menschen in einer Drei-Zimmer-Wohnung gelebt. Ich glaube, deshalb liebe ich es, eine große Bühne für mich zu erschließen. Bis heute ist mir wichtig, immer einen eigenen Raum nur für mich zu haben, egal wo ich lebe. Rückblickend betrachtet war ich zwar das Nesthäkchen der Familie, aber auch das letzte Glied in der Hackordnung. Meine Brüder waren zehn und zwölf Jahre älter als ich. Da findet kein Wettbewerb auf Augenhöhe statt, man kann höchstens versuchen, sie manchmal auszutricksen.“ Er lacht kurz verschmitzt auf und wird gleich wieder ernst. „Ich wurde vielleicht ein kleines bisschen mehr verwöhnt, aber ich musste auf der anderen Seite auch mit Menschen konkurrieren, die schon weiter entwickelt und entsprechend besser waren.“

Soziale Kontakte

Mit dieser Lebenserfahrung im Gepäck ist für ihn nicht das Lernen neuer Texte die große Herausforderung zu Beginn neuer Engagements. „Ich muss mich immer wieder auf rund 40 neue Leute einlassen. So viele soziale Kontakte strengen mehr an als die Stücke oder die Rolle selbst, in die man schlüpft. Introvertierte Menschen haben in solchen Gruppen häufig eher das Gefühl, etwas zu verlieren, extrovertierte Charaktere eher, etwas zu gewinnen.“

Ein Individuum ist die Summe vieler Teile

„Sie spielten zeitgleich Rollen wie Dumbledore bei ‚Harry Potter’ in Hamburg und den Fiesling Santa Maria im ‚Schuh des Manitu’ in München. Was ist der Schlüssel, parallel so konträre Persönlichkeiten zu spielen, ohne schizophren zu werden?“ Hans Neblung zieht eine Augenbraue hoch, bevor er antwortet. „Es gibt Kollegen, die immer sich selbst spielen. Ich glaube aber, jedes Individuum – also auch ein Schauspieler – ist die Summe von ganz vielen Teilen. In jeder Situation kommt ein anderes Teil zum Vorschein. Ich erfinde nichts, was nicht schon in mir ist. Man muss niemanden umbringen, um einen Mörder zu spielen. Aber den Teil in sich abzurufen, der ein Mörder sein könnte, hilft. Ich bin überzeugt, jeder trägt das in sich, man muss diesen Aspekt in sich nur vergrößern und einsetzen. Es bedarf der Vorstellungskraft, sich in die fiktive Situation zu versetzen, in der zum Beispiel das eigene Leben bedroht ist und man um sein Leben kämpft.“ Im Gesicht des vielschichtigen Charakterdarstellers spiegelt sich ein Wechselspiel der Gefühle, bevor er weiter spricht.

Sadistische Träume

„Ich bin einmal sehr rüde verlassen worden. Ich war so verletzt, dass ich sogar sadistische Träume hatte. Ich würde das nie in die Tat umsetzen, aber als Schauspieler habe ich so Zugang zu dieser Seite von mir erhalten. Das zeigt, dass wir immer mehr sind als das, was gerade Thema ist. Und genauso ist es mit Texten. Wenn ich in der Rolle bin, ist das wie ein roter Faden, der von selbst läuft. Wenn nach einem Engagement das Stück abgespielt ist, sind auch sehr schnell die Figur und der Text weg. Endet ein Stück, dann ist auch ein Lebensabschnitt beendet.“

Melodie und Stille

Hans Neblung räumt ein, schlecht mit Namen zu sein. „Die kann ich mir auch ganz schlecht merken. Aber Stimmen. Eine Stimme vergesse ich nie. Ich bin ein akustischer Mensch. Wenn jemand schlechte Musik spielt oder miserabel singt, kann ich das nicht ertragen, deshalb höre ich auch kein Radio. Wenn das richtig schlimm klingt, dann möchte ich auch um mich schlagen – oder (lacht) könnte doch zum Mörder werden.“

Nicht zuletzt darum bevorzugt der Sänger und Entertainer privat eher Stille oder Instrumentalmusik. „Ich kann bei Gesang nicht abschalten, zu oft denke ich dann, das hätte ich anders gesungen. Mir ist da über die Jahre leider eine gewisse Genussfähigkeit abhanden gekommen.“

Kochen ohne Rezept

Momente wie Kochen im Freundeskreis genießt der 64-Jährige dagegen ebenso sehr, wie Zeit in seinen vier Wänden in Bremerhaven zu verbringen. „Ich koche für mein Leben gerne, aber nicht stur nach Rezept, das finde ich total langweilig, ich nutze die höchstens für die Mengenverhältnisse der Zutaten. Kochen ist bei mir wie Singen, es gibt zwar eine Melodie, der ich folge, aber wenn es losgeht, dann interpretiere ich das so, wie ich es gerne möchte.“ Bei diesem Vergleich lacht Hans Neblung von ganzem Herzen, wird aber sofort wieder ernst. „Ich habe so viel Zeit in Hotels, Theaterkantinen, Zügen, Autos und Flugzeugen verbracht, dass ich froh bin, wenn ich selbst kochen und in meinem eigenen Bett schlafen kann. Privat gehe ich selten ins Theater, das fühlt sich irgendwie komisch an. Theaterspielen wird insgesamt immer unwichtiger für mich. Ich brauche es nicht mehr, um glücklich und zufrieden zu sein. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, wo ich es hinter mir lassen kann. Das war vor 15 Jahren für mich unvorstellbar.“

Hans Neblung

Hans Neblung kocht gerne - und das mit absoluter Leidenschaft.

Foto: Bullwinkel studio23

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