am Limit: Fachkräftemangel bedroht die Existenz

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Der Fachkräftemangel macht sich bei immer mehr Apotheken bemerkbar. Eine Apothekerin aus Tarmstedt spürt nun ganz besonders die Folgen.

Apotheke am Limit: Fachkräftemangel bedroht die Existenz

Apothekenhelferin Angelika Geske geht in Rente. In Tarmstedt hinterlässt sie eine Lücke. Der Fachkräftemangel belastet auch ihre Chefin Nora Hesse.

Apothekerin sucht dringend Personal

Nora Hesse beklagt Fachkräftemangel - Mitarbeiterin geht in Rente und hinterlässt große Lücke

Nora Hesse liebt ihren Beruf als Apothekerin. Doch ihr Traumjob wird immer mehr zum Alptraum. Das Personal fehlt, die Kunden werden wütend und immer wieder fließen Tränen. Und jetzt verlässt sie auch noch ihre wichtigste Stütze.

47 Jahre und sechs Monate. So lange hat Angelika Geske in der Apotheke gearbeitet. Zuerst in Wilstedt, später in Tarmstedt. Immer bei Familie Hesse. Zwei Apotheken-Umzüge hat sie mit ihren Chefs gestemmt.

Den ersten von Wilstedt nach Tarmstedt und dann Ende der Achtzigerjahre von der Apotheke in der Hauptstraße in die heutigen Räume neben dem Edeka-Supermarkt in der Poststraße.

Angelika Geske war morgens die Erste im Laden. Von hinten durch die Tür ist sie rein. Da hat sie gleich die Lieferungen aus der Nacht mitnehmen können.

am Limit: Fachkräftemangel bedroht die Existenz

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Mehr als 47 Jahre hat Angelika Geske als Apothekenhelferin gearbeitet. Nun ist die 64-Jährige im Ruhestand und hinterlässt bei ihren ehemaligen Chefin Nora Hesse eine große Lücke. Die Apothekerin aus Tarmstedt bekommt den Fachkräftemangel zu spüren. Sie findet kein Personal.

Ersehnte Ware, die im Flur in verschlossenen Kisten wartete. Täglich kurz nach acht hat sie Jacke mit Kittel getauscht, den Rechner angeschaltet und im Hintergrund dafür gesorgt, dass die Medikamente zügig zu den Menschen kommen.


Die Arbeit verlangt Tempo

Die Arbeit mit Medikamenten bedeutet Tempo. Wer krank ist, der will nicht, der kann oft nicht warten. Die 64-Jährige hat dieses Tempo geliefert. Täglich. Außer montags. Das war seit 19 Jahren ihr freier Tag. Und einmal hat sie länger Pause gemacht. Sechs Monate lang. „Da ist mein Sohn geboren“, sagt sie.

Und jetzt? Jetzt ist Angelika Geske weg. Und sie fehlt. Als Mensch und Vertraute, als Mitarbeiterin, „als Fels in der Brandung, der hinten den Laden am Laufen gehalten hat“, so erzählt es ihre Chefin Nora Hesse.

Besonders fehlt sie auch, weil es niemanden gibt, der diese Lücke füllt. „32 Stunden sind einfach weg“, sagt die Apothekerin. Der Fachkräftemangel, er ist auch in Tarmstedt angekommen.

am Limit: Fachkräftemangel bedroht die Existenz

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Es kommt nichts und gar nichts.

Die Bundesagentur für Arbeit stufte den Beruf „Apotheker“ im vergangenen Jahr abermals zum Engpassberuf ein. Heißt: Die Nachfrage übersteigt den Bedarf an Fachkräften.

Es fehlen Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA), Pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA) und besonders fehlen approbierte Apotheker. Eine approbierte, also studierte Kraft, sucht die Tarmstedterin schon seit Januar. Aber: „Da kommt nichts und gar nichts.“

Wenn sie Urlaub braucht, dann muss sie eine Agentur damit beauftragen, einen Freiberufler zu finden, der sie vertritt. Ein Jahr Vorlauf brauchen die deutschlandweit agierenden Agenturen mindestens. Und sie wollen Geld. „Man zahlt den Menschen und die Agentur“, sagt Nora Hesse. Dazu kommt noch die Unterbringung für die Springer-Kraft, die sie selbst suchen und ebenfalls bezahlen muss.

Die Wilstedterin ist gern Apothekerin. Sie möchte ihre Kunden beraten und ihr Wissen weitergeben. Und dennoch: Dieser Job bringt sie bis an ihre Belastungsgrenze. Ein Hamsterrad: „Man läuft und läuft...“ Sie würde ihren Beruf wieder wählen. „Aber als Frau und Mutter ist es sehr schwer.“


Der Druck steigt

Den zunehmenden Druck bekommen auch ihre Mitarbeiterinnen zu spüren. Der Ton wird rauer. Wenn die Kunden warten müssen, wenn sie nicht die Medikamentenpackung bekommen, die sie kennen, dann werden einige ungehalten. Nicht jede Mitarbeiterin hält diese Wut aus. Hinten in der kleinen Küche laufen dann auch Tränen. Nora Hesse weiß, am Tresen müssen sie ausbaden, was Politik, Krankenkassen und Pharmahersteller sich ausdenken. „Wir sind der Schwanz, wir bekommen es ab“, sagt die Apothekerin.

Sie hat die Apotheke von ihrer Mutter übernommen. Nora Hesse erinnert sich an Zeiten, in denen noch Initiativbewerbungen bei ihnen eingingen. Heute muss sie suchen. Überall hört sie sich um, an der PTA-Schule in Bremervörde, beim Jobcenter, bei der Apothekerkammer und sie fragt die Außendienstmitarbeiter, die viel rumkommen: „Weißt du wen, der eine Stelle sucht?“


Schüler kommen noch zum Praktikum

Schüler kommen noch regelmäßig zu ihr. Am „Zukunftstag“ oder machen zwei Wochen Schnupper-Praktikum. Illusionen macht Nora Hesse sich deshalb nicht: „Da spielt die Ortsnähe eine Rolle, nicht das Interesse an diesem Beruf.“ Junge Menschen, die bei ihr anklingeln, fragen zuerst, wie viel Freizeit und wie viel Urlaub sie haben. Außerdem sagen sie ihr, wie viel Geld sie bekommen wollen. „Das Gehalt ist mit utopischen Ideen belegt.“ Nora Hesse beschäftigt in ihrer Apotheke jetzt noch fünf PTA. Alle in Teilzeit. Außerdem noch eine Mitarbeiterin in der Buchführung und eine Reinigungskraft.

Der Job ist fordernd, das redet sie nicht klein. Lange Arbeitstage, Dienst am Sonnabend und regelmäßig Notdienste. Bei ihr kommt dann noch die Mittagspause dazu. Für die Mitarbeiter kann dies ungünstig sein.

Aber sie kämpft für diese Zeiten, auch für ihren freien Mittwochnachmittag. Weil sie Familie hat. Dafür nimmt sie auch böse Kritik in Kauf. „Immer stoisch bleiben“, sagt sie zu sich selbst, wenn es mal wieder besonders turbulent ist. Denn der Beruf sei zu schön, um sich nur zu grämen. Es sind diese Nebenwirkungen, ausgelöst von politischen Entscheidern und Lobbyisten, die ihr Bauchweh bereiten: „Wir wollen immer helfen und wir wollen für unsere Kunden gut sein mit dem, was wir abliefern.“

am Limit: Fachkräftemangel bedroht die Existenz

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Warenbestellungen und Medikamente: 47 Jahre hat sich Angelika Geske im Hintergrund darum gekümmert, dass es in der Apotheke lief. Als sie anfing, war der Beruf der Apothekenhelferin noch angesehen und beliebt. Inzwischen fehlt den Apotheken das Fachpersonal.

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Warenbestellungen und Medikamente: 47 Jahre hat sich Angelika Geske im Hintergrund darum gekümmert, dass es in der Apotheke lief. Als sie anfing, war der Beruf der Apothekenhelferin noch angesehen und beliebt. Inzwischen fehlt den Apotheken das Fachpersonal.





Nora Hesse, Apothekerin aus Tarmtedt zum Fachkräftemangel

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Erstellt:
17. November 2022, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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