-Fall: Versteht der Angeklagte Deutsch oder nicht?

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Die Verteidigerin (r.) des Angeklagten José V. ist der festen Überzeugung, er habe die Anweisungen der Beamten nicht verstehen können.

Grabstein-Fall: Versteht der Angeklagte Deutsch oder nicht?

Am dritten Prozesstag ging es um die Deutschkenntnisse des Angeklagten. Die Verteidigung ist überzeugt: die Belehrung seiner Rechte war ordnungswidrig.

Grabstein-Fall: Die Sprachkenntnisse des Angeklagten José V.

Vor Gericht steht ein Obdachloser wegen versuchten Mordes. Die Verteidigung zweifelt an, dass der 37-Jährige bei der Verhaftung überhaupt alles verstanden hat. Am dritten Prozesstag im „Grabstein-Fall“ berichtet eine Zeugin, dass dies nicht stimme.

Im Fall des verletzten Obdachlosen auf dem Geestemünder Friedhof waren die Sprachkenntnisse des Angeklagten das Thema des dritten Prozesstages. Vor dem Landgericht in Bremen muss sich ein 37-jähriger Obdachloser wegen versuchten Mordes verantworten. Er soll das Opfer mit einem Grabstein attackiert haben, um an seine Schlafstelle zu kommen.

Die Verteidigung ist überzeugt: der Angeklagte sei am 28. Mai des vergangenen Jahres, als er von Polizeibeamten auf dem Geestemünder Friedhof geweckt wurde, in der Situation überfordert gewesen.

Der gebürtige Spanier habe die Fragen, die Durchsuchung und die anschließende Festnahme der Polizeibeamten über sich ergehen lassen. Dabei habe er laut seiner Verteidigerin allerdings nicht verstehen können, worum es in dem Gespräch und der Situation überhaupt gehe.


Belehrung der Rechte sei laut Verteidigung ordnungswidrig

Auch die Belehrung seiner Rechte, als die Beamten den Obdachlosen als Tatverdächtigen festnahmen, hätte laut der Verteidigung aufgrund seiner fehlenden Deutschkenntnisse nicht ordnungsgemäß stattgefunden. Vor Gericht wird der Angeklagte stets von einer Dolmetscherin unterstützt.

Am gestrigen Freitag sagte die vierte Polizeibeamtin, die am 28. Mai 2022 zu dem Einsatz auf dem Geestemünder Friedhof gefahren war, vor dem Landgericht aus. Sie habe den Angeklagten über seine Rechte belehrt, bevor er als Tatverdächtiger festgenommen wurde. „Ich habe den Beschuldigten gefragt, ob er mich verstanden hat“, sagte die Polizeibeamtin aus. Er soll zugestimmt haben.

Bereits während des Einsatzes seien der Zeugin die eingeschränkten Deutschkenntnisse des Angeklagten aufgefallen. Sie gab an, dass der Wortschatz des 37-Jährigen eingeschränkt war und er mit einem Akzent gesprochen habe. Allerdings habe der Mann alle Anweisungen befolgen und auf Fragen passend antworten können. „Ich hatte das Gefühl, dass er uns versteht“, sagte die Bremerhavenerin überzeugt.

-Fall: Versteht der Angeklagte Deutsch oder nicht?

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Vor dem Landgericht in Bremen ist ein 37-jähriger Obdachloser wegen versuchten Mordes angeklagt.


Laut Mitarbeiterin einer Unterkunft habe er gute Deutschkenntnisse

Ganz anders als die Verteidigung schätzt eine Mitarbeiterin einer Männerunterkunft in Bremerhaven die Deutschkenntnisse des Angeklagten ein. Der 37-Jährige lebte etwa einen Monat in der Obdachlosenunterkunft, in der sie angestellt ist. Die Bremerhavenerin führte mehrere Beratungsgespräche mit ihm - auf Deutsch. Laut der Angestellten gab es nie Probleme bei der Verständigung mit dem 37-Jährigen.

An eine Situation erinnerte sich die Zeugin besonders gut: Der Angeklagte habe um einen Umzug innerhalb der Obdachlosenunterkunft gebeten. „Er leitete das Gespräch“, sagte die Mitarbeiterin aus. Sie schätzte die Sprachkenntnisse des Angeklagten insgesamt so ein, dass er Deutsch vollkommen verstehe. „Er kann sich verständigen, und sein Deutsch ist ausreichend, um sich erklären zu können“, sagte die Zeugin.


Hausverbot in der Obdachlosenunterkunft

Die Mitarbeiterin habe den Angeklagten als einen ruhigen Mann kennengelernt. Zudem soll er Ängste haben und eine Therapeutin aufgesucht haben. Im Alltag sei er nicht aufgefallen. Da der Angeklagte einen anderen Bewohner beklaut haben soll, wurde ihm ein Hausverbot in der Obdachlosenunterkunft erteilt - nur einen Tag vor dem Vorfall im Mai.

Ob die Therapeutin des Angeklagten von ihrer ärztlichen Schweigepflicht entbunden wird, steht noch aus. Am kommenden Dienstag wird die Verhandlung im Bremer Landgericht fortgesetzt. Dann sollen zwei Sachverständige der Rechtsmedizin aussagen.

Hat der Angeklagte die Situation überhaupt verstanden?

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Erstellt:
6. Januar 2023, 16:37 Uhr
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