h im Breitensport - welche Sportler gefährdet sind

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Sexualisierte Gewalt im Sport (Symbolfoto) ist ein gesellschaftliches Problem.

Missbrauch im Breitensport - welche Sportler gefährdet sind

Der Skandal um den sexuellen Missbrauch bei den Turnerinnen aus den USA ist der größte Fall. Doch auch in Deutschland gibt es zahlreiche Opfer.

Sexueller Missbrauch im Sport

Warum einige Sportarten gefährdeter sind als andere

Der Skandal um den sexuellen Missbrauch bei den Turnerinnen aus den USA rund um Superstar Simone Biles ist der wohl größte aktuelle Fall. Doch auch in Deutschland gibt es zahlreiche Opfer - nicht nur im Leistungssport. Das zeigt eine neue Studie.

Sport zählt zu den beliebtesten Beschäftigungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. 75 Prozent der Mädchen und 87 Prozent der Jungen im Alter von 9 bis 18 Jahren treiben regelmäßig in ihrer Freizeit Sport, wie aus einer jüngst veröffentlichten Studie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zu entnehmen ist. Rund 50 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen sind Mitglied in einem Sportverein.

Doch wie sicher sind diese dort? Das Forschungsprojekt „Safe Sport“, welches vom Bundesbildungsministerium gefördert wurde und von 2014 bis 2017 von der Deutschen Sporthochschule Köln gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Ulm und der Deutschen Sportjugend durchgeführt wurde, gilt als das Projekt mit den ersten quantitativen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Ausmaß sexualisierter Gewalt im Sport. Die Studie, die auf einer Stichprobe von 1.799 Befragten mit einem Durchschnittsalter von 21,5 Jahren im Leistungssport basierte, ergab, dass ein Drittel der befragten Athletinnen und Athleten (37,6 Prozent) schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erlebt hat. Der bekannteste Fall der letzten Jahre ist der des US-Turnteams. Der ehemalige Arzt der amerikanischen Elite-Turnerinnen, Larry Nassar, war fast drei Jahrzehnte in der Position, das Vertrauen Hunderter Mädchen zu gewinnen. Deren Verletzlichkeit nutzte er im Anschluss schamlos aus. Im Januar 2018 wurde er wegen des massenhaften sexuellen Missbrauchs zu einer Haft von bis zu 175 Jahren verurteilt.


Sportartspezifische Strukturen und Kulturen

Doch nicht nur im Spitzensport scheint sexualisierte Gewalt ein Problem darzustellen. In die Studie der Unabhängigen Kommission wurden 72 Berichte über sexualisierte Gewalterfahrungen im Sport einbezogen. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist vermutlich hoch, aber auch wenn die Datenbasis klein ist, haben die Forscher bestimmte Muster herausgearbeitet. 40 Prozent der Betroffenen waren Leistungssportler und nahmen an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil. 42 Prozent betrieben wettkampforientierten Breitensport und 22 Prozent waren im Freizeitsport aktiv und nahmen nicht an Wettkämpfen teil.

Die Studie ermittelte zudem sportartspezifische Strukturen und Kulturen, die die Ausübung von sexualisierter Gewalt besonders begünstigen. Auffällig ist, dass sich die Betroffenen aus dem Bereich der Kampfsportarten wie Judo, Karate und Ju-Jutsu auf Merkmale ihrer Sportart beziehen, die aus ihrer Perspektive besonders zur Ausübung von sexualisierter Gewalt beigetragen haben. Kampfsportarten im Zweikampfmodus führen immer wieder zu Trainingssituationen in Isolation und zu zweit. Der enge Körperkontakt ist ein zentrales Element des Kampfsports.


Exklusivität und Rarität der jeweiligen Sportszene

Zudem geht es immer wieder um die Exklusivität und Rarität der jeweiligen Sportszene und den dringenden Wunsch der beteiligten Menschen, sich in dieser besonderen Welt dazugehörig zu fühlen. Das betrifft solche Sportarten, die nur an spezifischen Trainingsstätten mit hohem materiellen Aufwand betrieben werden können, wie bei Eissportarten wie Eishockey und Eiskunstlauf. Wer solche Sportarten ausübt, findet dafür in der jeweiligen Region meist nur wenige Möglichkeiten und Vereine.

Auch der Reitsport gehört dazu, da er neben der Besonderheit der Sportstätte oftmals hohe finanzielle Ausgaben und Investitionen erfordert. Diese exklusive Organisation wollen die Betroffenen und ihre Familien nicht aufs Spiel setzen, so dass sie eher Schweigen, wenn etwas passiert.


Individuelle Lebenssituationen als Risikofaktoren

In der Studie wurden nicht nur Fallzahlen gesammelt, sondern die Erfahrungen der Betroffenen auch tiefergehend untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es bestimmte Risikofaktoren gibt, die die Ausübung von Gewalt begünstigen. So richten sich Täter und Täterinnen häufig auf solche Kinder und Jugendliche im Sport aus, die bereits physische oder emotionale Verletzungen erlitten haben und dadurch in einer geschwächten Position sind. Auch eine eigene Krankheit, Scheidung der Eltern, Tod eines Elternteils sowie Erkrankungen der Eltern sind Faktoren, ebenso wie finanzielle Nöte. Kinder und Jugendliche verdrängen ihre Gewalterfahrungen, um ihren Traum vom Erfolg und sozialen Aufstieg Wirklichkeit werden zu lassen.

Die meistgenannten Orte für Übergriffe sind das Zuhause der Betroffenen oder der Täter und Täterinnen (45 Prozent), bei privaten Treffen (41) und in einem Auto (29). Ungefähr ein Viertel der Betroffenen erlebte Gewalt in einer Umkleide, Dusche oder Sauna (27) sowie in einem Trainingscamp (24).


Vier verschiedene „Täter-Typen“

In 83 Prozent der Fälle ging die sexualisierte Gewalt von einem Einzeltäter aus. Auch wenn die Gewalterfahrungen sehr unterschiedlich sind, gibt es in einem Punkt eine große Übereinstimmung. Die überwiegende Mehrheit der Täter war männlich (94 Prozent). Meist waren es Trainerinnen und Trainer (81 Prozent). In den wenigsten Fällen allerdings hauptamtliche Trainer, sondern meist als Honorarkräfte oder Ehrenamtliche. Bezogen auf die Persönlichkeit, das typische Handeln und Auftreten wurden in der Studie vier „Täter-Typen“ konstruiert:

- „Die unsympathische Autorität“: Beschimpfungen und Bestrafungen sind an der Tagesordnung; die Betroffenen beschreiben ein Klima des Gehorsams und der Angst, welches durch den Täter hervorgerufen wird. Dieser wird als dominante Person mit einer unantastbaren Autorität beschrieben.

- „Der gewiefte Manipulator“: Er versucht durch Zuneigung, vermehrte Aufmerksamkeit und sportliche Förderung gezielt das Vertrauen der Betroffenen und des Umfeldes zu gewinnen. Einzelne Athleten zu isolieren, ihnen das Gefühl zu geben, auserwählt und etwas Besonderes zu sein, gehören ebenfalls zum manipulativen Vorgehen. Zudem schreckt er auch nicht vor öffentlichen Sanktionen und Demütigungen zurück, sobald er auf Widerstand und „Ungehorsam“ trifft.

- „Der charmante Loverboy“: Dieser Täter-Typus versteht es, sich durch Komplimente, die über die sportliche Leistung hinausgehen, bei den Athletinnen und anderen (meist weiblichen) Personen beliebt zu machen. Durch das Gegeneinander-Ausspielen der zahlreichen „Bewunderinnen“ wird Neid und Missgunst gesät. Die Bewunderung wird sodann ausgenutzt, um die Betroffenen gefügig zu machen, das Umfeld zu blenden und auf seine Seite zu ziehen.

- „Der sympathische Kumpel“: Er pflegt zu allen ein freundschaftliches, gar brüderliches Verhältnis, welches sich auch dadurch auszeichnet, dass die Trainer-Athletinnen-Beziehung weit über den Kontext des Sports hinausgeht. Er zeichnet sich zudem durch sein unentwegt hohes und selbstloses Engagement für den Verein und die Kinder und Jugendlichen aus. Er wird zur Vertrauensperson.

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Erstellt:
2. Dezember 2022, 12:00 Uhr
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