rf hat Zukunft“: Blick auf Nartum zehn Jahre danach

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Angetan vom Ensemble historischer Gebäude am Nartumer Brink zeigten sich die Mitglieder der Bewertungskommission vor elf Jahren. Gyhums damaliger Bürgermeister Friedhelm Helberg (Zweiter von rechts) führte die Juroren über das Gelände.

„Unser Dorf hat Zukunft“: Blick auf Nartum zehn Jahre danach

Seit geraumer Zeit geht es im Dörferwettbewerb nicht mehr um die Schönheit, sondern um die Zukunft. Doch wie steht es darum, wenn die Jury fort ist?

Unser Dorf hat Zukunft: Eine Bilanz

Land im Wandel: Ein Blick auf Nartum eine Dekade nach der Teilnahme am Dörferwettbewerb

Einst standen Dörfer im Wettbewerb darum, welches das schönste im Lande sei. Seit geraumer Zeit heißt es „Unser Dorf hat Zukunft“. Doch wie steht es um die Zukunft, wenn die Jury fort ist? Nartum dient als Beispiel, zehn Jahre nachzuzeichnen.

Lars Rosebrock hadert mit den Zeitläuften. Er blickt zurück auf die elf Jahre, die seit der jüngsten Teilnahme Nartums am Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ verstrichen sind und knurrt. „Die Volksbank ist weg, Carstens ist weg, das Melkhus ist weg. Mit den Ferien auf dem Bauernhof ist es auch nichts mehr.“ So hatten sich die rund 750 Nartumer die Zukunft des Dorfes nicht vorgestellt, als sie sich 2010 in zehn Arbeitsgruppen mit den Wettbewerbskriterien befassten und auf den Besuch der Bewertungskommission vorbereiteten.

Doch nicht nur der Kahlschlag der dörflichen Infrastruktur verdüstert Rosebrocks Stimmung. Die spürbare Verunsicherung, die die Bevölkerung unter dem Eindruck multipler Krisen im Griff hält, wirkt auf den Gyhumer Bürgermeister ein. Klimakrise, Gaskrise, Inflation, Krieg und dann ist da ja noch Corona. Nicht zu vergessen der alltägliche Bürokratie-Irrsinn, der an den Nerven des Unternehmers Rosebrock wie an denen des Bürgermeisters Rosebrock zerrt. Damit schließt sich der Kreis.


Was weg ist, das kommt nicht wieder

Denn, dass die Volksbank ihre Nartumer Filiale geschlossen hat, liegt an den stetig steigenden Auflagen, deren Erfüllung viel Geld kostet. Dass Fritz Carstens seine Schlachterei aufgegeben hat, liegt an den steigenden Auflagen, deren Erfüllung hohe Investitionen erfordert hätten. Diese Melange hat schließlich auch dazu geführt, dass das Melkhus im Dorf geschlossen bleibt. Wohl für immer, raunt Rosebrock.

Seine Versuche, einen Dorfladen in der ehemaligen Volksbank einzurichten, haben sich zerschlagen. Wären seine Bemühungen von Erfolg gekrönt gewesen, so hätte sich der Laden vor allem auf das Engagement von Ehrenamtlern stützen müssen. Doch denen werde auch immer mehr auferlegt, klagt der Bürgermeister und nennt beispielhaft das Stichwort Datenschutz. Die Hüter der Bürokratie werfen jedem Knüppel zwischen die Beine. Wieso darf die Feuerwehr bei Veranstaltungen und Umzügen nicht mehr die Absicherung übernehmen? Wieso dürfen junge Treckerfahrer nicht mehr zu Lichterfahrten durchs Dorf ziehen, fragt Rosebrock und schüttelt den Kopf. Er hat dafür keinerlei Verständnis.

rf hat Zukunft“: Blick auf Nartum zehn Jahre danach

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Auflagen, Verbote, Corona - dieser Dreiklang setzt den Dörfern, der Dorfgemeinschaft, der dörflichen Zukunft zu. Und jetzt kommen die in Folge von Energiekrise und Inflation aus dem Ruder laufenden Haushalte der Gemeinde als weiteres Problem noch oben drauf. Den Vorschlag, mit dem Kürzen sogenannter freiwilliger Leistungen die Ausgaben der Gemeinde zu kürzen, hält der Gyhumer Bürgermeister für grundfalsch. Die Vereinsförderung vielmehr auszubauen und zur Pflichtaufgabe zu erheben, ist Lars Rosebrock der rechte Weg.


Die Dorfbewohner bleiben zu Hause

„Wir müssen mehr für die Vereine tun. Das sind die Sozialarbeiter in den Dörfern.“

Und dort werden sie mehr denn je gebraucht, davon ist Rosebrock überzeugt. „Corona hat in den Dörfern viel kaputt gemacht.“ In den Hochzeiten der Pandemie durften keine Veranstaltungen stattfinden. Als es unter Auflagen wieder möglich war, in der Gemeinschaft zusammenzukommen, seien vor allem Ältere dennoch fern geblieben, weil sie verunsichert waren oder Angst vor einer Ansteckung hatten. „Mittlerweile sind die Leute entwöhnt und bleiben zu Hause“, weiß Rosebrock. Angesichts dessen werde viel Aufwand zu treiben sein, um das Vereinsleben wieder in Gang zu bringen, unkt er.

Dabei hat er im Hinterkopf, dass es Räumlichkeiten bedarf, um Versammlungen und zwanglose Treffen abhalten zu können. Gastwirt Hoppen werde den „Nartumer Hof“ nicht ewig betreiben. „Daran hängt der Schützenverein“, wirft Rosebrock ein. Möglicherweise werde die Gemeinde nicht umhin kommen, „in 10/15 Jahren Dorfgemeinschaftshäuser zu bauen“.

Eigentlich müsste die Gemeinde mit den Planungen dafür alsbald beginnen, merkt Rosebrock mit sarkastischem Unterton an - schließlich sei für nahezu jedes Vorhaben ein Bebauungsplan aufzustellen. Und bis dafür eine Genehmigung vorliegt, „dauert es ewig“. Damit nicht genug. Der Bürgermeister klagt über fehlende Radwege auf dem Land, einen öffentlichen Personennahverkehr, der diesen Namen nicht verdient, die erodierte Gesundheitsversorgung oder das Verbot, auf Kreisstraßen in den Dörfern Tempo 30 vorzuschreiben.


Die Zukunft ist nicht ausschließlich schwarz

Doch Rosebrock, der den Dörferwettbewerb 2011/12 zwar maßgeblich jedoch nicht im Amt des Bürgermeisters begleitet hat, sieht dieser Tage mit Blick auf Nartum nicht ausschließlich schwarz. Ein Baugebiet sei entstanden. Eines stehe vor der Erschließung. Möglicherweise gelinge es, dort altersgerechtes Wohnen für Nartumer anzubieten. Auf dem Friedhof sei ein Urnenfeld und eine halbanonyme Reihengrabstätte entstanden. Der Nordpfad Kempowskis Idylle habe geradezu Prominenz erlangt. Die Lehmkuhle sei renaturiert worden. Das Fritz-Carstens-Archiv sei Treffpunkt derer, die den umfangreichen Nachlass des Namensgebers aufarbeiten. Die Nartumer Nachrichten, die viermal im Jahr erscheinen, haben sich etabliert. Gleiches gilt für die Dorf-App, die mehr als 420 Nartumer auf ihrem Mobiltelefon haben.

Auch die aus Anlass des Dörferwettbewerbs angelegten neun Kräuterbeete sind zwischenzeitlich neu bepflanzt worden und werden nach wie vor von wechselnden Paten gepflegt. Auch die damals initiierte Installation eines öffentlichen Wlan-Zugangs hat sich bewährt. Der im Nachgang des Wettbewerbs gegründete Hafenverein hat überregional für Aufmerksamkeit gesorgt und Corona überdauert. Die vor Jahren am Sonnenwinkel gepflanzten Apfelbäume sind prächtig gediehen und tragen, wenn der Herbst vor der Tür steht, reichlich süße Früchte. Die in jüngerer Vergangenheit im ehemaligen Dorfladen eingerichtete Pizzeria wird vor allem von den Angehörigen der jüngeren Generationen angenommen.

„Das Dorf wird nicht aussterben“, ist Rosebrock denn auch zuversichtlich. Damit das so bleibt, schwebt dem Bürgermeister vor, dass die von den Betreibern der geplanten Windparks zu erwartenden Ausgleichszahlungen an die Gemeinde zweckgebunden verwendet werden, um die Infrastruktur in den Dörfern zu verbessern. Beispielsweise könnten E-Ladesäulen aufgestellt werden. Als ein möglicher Standort für eine Säule kommt nach Ansicht Rosebrocks der Nartumer Friedhof infrage. Dort treffen sich regelmäßig etliche Auswärtige, um zu Fuß Kempowskis Idylle kennenzulernen.

Und wer weiß, vielleicht findet sich alsbald auch eine Antwort auf die Frage, wie mit ehemaligen landwirtschaftlichen Gehöften im Dorf umzugehen ist. Schließlich haben sie prägenden Einfluss auf das Dorfbild. Er hoffe, dass nach den Reetdächern und den Fachwerkhäusern nicht auch noch die erhaltenen großen Hofgebäude verschwinden.

rf hat Zukunft“: Blick auf Nartum zehn Jahre danach

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Im Hause Kempowski tauchten die Mitglieder der Bewertungskommission in die Kultur ein, die Nartum in Fachkreisen nationale Bekanntheit verliehen hat.

rf hat Zukunft“: Blick auf Nartum zehn Jahre danach

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Der Chor Jesowieka trug vor elf Jahren dazu bei, dass die Bewertungskommission einen nachhaltig guten Eindruck von Nartum erhielt.

„Wir müssen mehr für die Vereine tun. Das sind die Sozialarbeiter in den Dörfern.“
Lars Rosebrock, Bürgermeister der Gemeinde Gyhum

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Erstellt:
26. Dezember 2022, 15:39 Uhr
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