theater und die schwierige Suche nach neuen Zuschauern

© Manja Herrmann

„Die Menschen haben die Nase voll von Krisen“, sagt Intendant Lars Tietje. Die Zuschauer wollen sich zurzeit im Theater vor allem unterhalten lassen. Musicals wie „Hairspray“, hier mit Julia Lindhorst-Apfelthaler Amber von Tussle und der Ballettcompagnie des Stadttheaters Bremerhaven, laufen deshalb gut.

Das Stadttheater und die schwierige Suche nach neuen Zuschauern

Das Stadttheater und die schwierige Suche nach neuen Zuschauern

Wie gewinnt das Theater nach der Corona-Pandemie die Zuschauer zurück? Lars Tietje, der Intendant des Bremerhavener Stadttheaters, hat da einige Ideen.

Interview: Theaterintendant Lars Tietje über die Schwierigkeiten, neue Zuschauer zu gewinnen

Die Zuschauer kommen nach der Corona-Pandemie nur zögerlich zurück. Vor allem die Älteren füllen die Theater. Stehen wir vor dem Ende des kulturellen Lebens? Lars Tietje, Intendant des Bremerhavener Stadttheaters, ist da nicht so pessimistisch.

Alle Kulturveranstalter fragen sich zurzeit, wie man das Publikum zurückholt. Im Stadttheater Hagen hat man für drei Monate ein Neun-Euro-Ticket eingeführt, ähnlich wie bei der Bahn. Ist das eine Möglichkeit?

Als Marketing-Gag hat es dem Theater ganz sicher Aufmerksamkeit beschert. Die Aktion war nicht schlecht, weil sie zu einer Zeit kam, als das Publikum noch zögerlich war. Ich glaube aber nicht, dass allein der Preis Theater attraktiv macht, zumal in Bremerhaven manche Plätze weniger kosten als eine Kinokarte. Bei uns sind die Leute auch ohne Neun-Euro-Ticket wiedergekommen.

Ab wann hat sich das Theater wieder gefüllt?

Der Anfang der Saison war noch schwer. Ab Mitte Oktober war es, als sei eine Dose aufgegangen. Das Märchenballett „Dornröschen“ und „Viel Lärm um nichts“ von William Shakespeare, die Eröffnungspremiere im Schauspiel, sind super gelaufen.

Entscheiden die Zuschauer heute kurzfristiger, ob sie ins Theater gehen?

Auf jeden Fall. Selbst bei dem Gastspiel von Annette Frier und Christoph Maria Herbst lief der Vorverkauf zunächst nur schleppend. Erst zwei Wochen vorher war der Abend ausverkauft. Das hat selbst die Damen an der Kasse überrascht. Früher gingen die Karten schneller weg, wenn so berühmte Leute kamen. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass die Leute noch unsicher sind, ob sie sich langfristig eine Karte kaufen sollen.

Wie sieht denn die Entwicklung der Abozahlen aus?

Wir sind jetzt bei 85 Prozent der Abonnenten, die wir vor drei Jahren hatten. Ich denke, dieser Rückgang um 3 bis 5 Prozent pro Spielzeit bei den Abos ist ganz normal. Die Abos werden ja vor allem von Älteren gekauft werden. Die Jüngeren wollen eher flexibel sein, wollen eher individueller sein.

Was bedeutet das für die Abos?

Ich denke, dass die Abos anders werden müssen - kleiner und flexibler. Oder eben spezieller. Dass wir mehr auf Themen gehen müssen, auf Genres oder auf Sparten. Andere machen das schon längst. Bremerhaven ist da noch sehr traditionell aufgestellt.

Wie kriegt man die Generation Netflix, die es sich seit der Pandemie auf der Couch bequem gemacht hat, zurück ins Theater?

Wir müssen - doofes Wort - eventiger werden. Wir müssen strahlen und mit den Qualitäten, die wir haben, punkten. Wir müssen den Leuten mehr bieten als eine ganz normale Vorstellung. Begegnung und Austausch vor und nach den Aufführungen - wir bieten ja Einführungen und manchmal auch Nachbesprechungen an - werden immer wichtiger. Das kann Netflix eben nicht.

Wollen die Zuschauer andere Stücke sehen als noch vor Corona?

Die Zuschauer gehen vor allem auf solche Stücke, in denen sie möglichst mit der Realität wenig konfrontiert werden. Die Menschen haben die Nase voll von Krisen. Traum-Theaterwelten oder etwas zum Lachen - das wird sehr gefragt.

Finden Sie das schade?

Die Frage ist ja, was können wir den Menschen geben. Und wenn es dann so ist, dass bestimmte Dinge im Moment nicht gefragt sind, dann ist es eben so.

Wie könnte das Theater der Zukunft aussehen?

Wir brauchen eine größere Vielfalt. Wenn Sie vor 30 Jahren in ein VW-Autohaus gegangen sind, dann haben sie einen Polo kaufen können, einen Passat und einen VW-Bus. Heute gibt es noch den Lupo, den Golf in mehreren Varianten und SUVs. Ähnlich ist es im Theater auch. Die Menschen greifen sich das heraus, was für sie passt. Sie sagen weniger, ich gucke mir alles an, was das Theater anbietet in seiner Vielfalt.

Sind bestimmte Formen oder Genres veraltet?

Vielleicht. Wer geht in zehn oder fünfzehn Jahren noch in die Operette? Sind die Sinfoniekonzerte in ihrer Form wie sie seit 130 oder 150 Jahren praktiziert werden, noch zeitgemäß?

Müssen Sie anders aufs Publikum zugehen?

Wir müssen heute viel mehr vermitteln. Das Publikum, das zu Hause noch mal schnell den Schauspiel- oder Opernführer gelesen hat und sich ein Programmheft kauft, wird immer weniger. Wir müssen uns deshalb Gedanken machen, wie erzählen wir die Stücke für Menschen, die sie eben nicht kennen.

Was wird nicht mehr funktionieren?

Die Operette ist wie ein Sissi-Film, wo man so in Seligkeit schwelgen kann. Ich mag das gerne, aber ich denke, dass werden künftig andere Genres bedienen. Das Musical zum Beispiel. Es spricht auch Menschen an, die nicht so theateraffin sind. Denn es kommt nicht so museal daher wie die Oper. Ob wir diese Spartentrennung in Musiktheater, Schauspiel und Tanz noch in 20 oder 30 Jahren haben werden, weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Wer wird dann noch ins Theater gehen?

Die Diskussion, wer wird noch ins Theater gehen, wenn die, die da jetzt sitzen, nicht mehr da sind, die gab es schon in den 70er Jahren. Deswegen glaube ich nicht, dass keiner mehr nachkommt. Ich sehe die Situation nicht so dramatisch.

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© Arnd Hartmann

Stadttheater-Intendant Lars Tietje freut sich, dass der Großteil der Abonnenten zurückgekommen ist.

Zur Person

Lars Tietje, 1967 in Celle geboren, ist seit der Spielzeit 2020/21 Intendant in Bremerhaven. Er studierte in Hamburg Musik, Evangelische Theologie, Erziehungswissenschaften und Kulturmanagement. Ab 1996 war er Mitglied der Direktion der Kölner Oper. Ab 2001 Künstlerischer Betriebsdirektor am Staatstheater Kassel. Von 2004 bis 2016 war er Intendant und Geschäftsführer der Theater Nordhausen. Ab 2016 führte er das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin und Parchim.

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Erstellt:
8. Januar 2023, 15:50 Uhr
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