für Stacheltiere: Neunjährige rettet kranken Igel

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Die neunjährige Klara aus Bokel kümmert sich liebevoll um Igel-Dame Auguste. Jeden Morgen wird die stachelige Mitbewohnerin gewogen. Bald kann Auguste ihren Winterschlaf antreten. Foto: Schröder

Ein Herz für Stacheltiere: Neunjährige rettet kranken Igel

Ein neunjähriges Mädchen aus Bokel setzt sich mit viel Liebe und Geduld für einen kranken Igel ein. Auguste fühlt sich bei der Grundschülerin pudelwohl.

Klara hat ein Herz für Stacheltiere

Neunjährige aus Bokel päppelt kranken Igel auf - Auguste fühlt sich pudelwohl

Den Igeln geht es schlecht. Sterile Gärten, in denen keine Insekten zu Hause sind, Mähroboter oder der Klimawandel machen den Stacheltieren das Leben schwer. Nur wenige Igel haben so viel Glück wie Auguste. Und ihr Glück hat einen Namen: Klara.

Jeden Morgen muss Auguste auf die Waage. Dafür hebt Klara die Igel-Dame aus ihrer Schlafbox und legt sie vorsichtig in einer Schale ab. „Sonst rennt sie weg, und Auguste kann wirklich schnell rennen“, sagt Klara. Und fauchen, das kann sie auch. „Lauter als eine Katze“, weiß die Neunjährige inzwischen aus Erfahrung. Zu Hause in Bokel päppelt sie Auguste seit zwei Wochen auf - mit Leidenschaft, viel Geduld und jeder Menge Fachwissen.

Als der inzwischen gut drei Monate alte Igel Mitte November in Stotel gefunden wurde, wog Auguste nur 460 Gramm. Ein Ehepaar brachte das Tier in die Igelstation von Christiane Beißner in Bexhövede. Die Expertin wusste sofort, dass der Igel Hilfe brauchte - wie so viele seiner Artgenossen auch.


Igel finden kaum noch Insekten in den Gärten

Unter dem Mikroskop erkannte Beißner, das der Kot des Tieres voller Parasiten war. „Das ist bei Igeln nicht ungewöhnlich, denn statt Insekten zu fressen, müssen sie immer häufiger mit Schnecken und Würmern vorliebnehmen, die Zwischenwirte für Parasiten sind“, sagt die Expertin. Ihr eigentliches Leibgericht Käfer, von denen Igel pro Nacht etwa 300 Stück sammeln könnten, stehe in den meisten, Insekten-unfreundlichen Gärten dagegen kaum noch auf dem Speiseplan, so Beißner.

für Stacheltiere: Neunjährige rettet kranken Igel

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Christiane Beißner von der Igelstation Bexhövede hat Klara den Igel zum Aufpäppeln überlassen. Die Expertin steht der Neunjährigen und ihrer Mutter weiterhin mit Rat und Tat zur Seite. Foto: Schröder

Auguste sei damals nicht nur sehr schlank, sondern auch tagaktiv gewesen, erinnert sich die Igel-Retterin. „Wenn ein Igel tagsüber unterwegs ist, hat er dafür einen Grund“, so Beißner, „und das ist meist kein guter.“ Hunger, Durst oder Parasitenbefall würden die Tiere dann umherirren lassen, für viele von ihnen bedeute dies das Todesurteil.


Auch die Igel-Retterin braucht fleißige Helfer

In ihrer Igelstation, die eigentlich ihr Wohnhaus ist, findet man viele solcher Fälle. Christiane Beißner versorgt dort seit 15 Jahren Verletzungen oder päppelt die Tiere auf, bis sie genug auf den Rippen haben, um ihren Winterschlaf antreten zu können. Doch ohne fremde Hilfe kommt auch die Igel-Retterin nicht aus. „Ich bin auf Menschen angewiesen, die mir Igel abnehmen und sie weiterpäppeln, sobald sie über den Berg sind“, sagt sie.

Seit zwei Wochen darf sich auch Klara ganz offiziell als „Päpplerin“ bezeichnen. „Sie hat einen Artikel über Christiane in der Zeitung gelesen und wollte unbedingt Kontakt zu ihr aufnehmen“, sagt Mutter Konstanze voller Stolz.

Nach einem Besuch in Bexhövede dauerte es nicht lange, bis Auguste in einem Raum im Obergeschoss der Familie einzog. Dort verbringt sie die meiste Zeit in einer ausbruchsicheren Box, eingekuschelt in ein Handtuch. „Auguste ist eine ganz schöne Schlafmaus“, hat Klara festgestellt.

für Stacheltiere: Neunjährige rettet kranken Igel

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Fast 700 Gramm wiegt Igel-Dame Auguste inzwischen. Damit kann sie bald ihren Winterschlaf im Garten ihrer neunjährigen „Pflegemutter" Klara antreten. Foto: Schröder

Wenn Auguste nicht schläft, dann frisst sie gerne und viel: eine halbe Dose Katzenfutter pro Tag - natürlich ohne Sauce und Gelee, wie Klara längst weiß. Christiane Beißner zufolge sind in diesen Zusätzen Abführmittel enthalten, die für Hauskatzen zwar sinnvoll, für Igel bisweilen aber tödlich sein könnten.


Im Garten wartet bereits ein Gehege für Auguste

Bei Chefköchin Klara fühlt sich Auguste pudelwohl. Knapp 700 Gramm wiegt das Stacheltier inzwischen. „Eigentlich könnte sie jetzt schon in den Winterschlaf gehen“, sagt Christiane Beißner. Im Garten haben Klara und ihre Mama bereits ein geschütztes Gehege voller Stroh und Laub für die Zeit bis Mai vorbereitet. Denn im Haus kann Auguste bald nicht mehr bleiben. „Der Igel braucht den Kältereiz, um in den Winterschlaf zu gehen“, sagt Beißner.

Genau das allerdings wird den Tieren immer häufiger zum Verhängnis. Durch den Klimawandel und die warmen Winter wachten die Igel oft schon vor Mai, und damit zu früh wieder auf. „Dann laufen sie durch den Garten und finden nichts, was sie fressen könnten“, sagt die Igel-Retterin aus Bexhövede. Ihr Appell an alle Gartenbesitzer lautet daher: „Füttern, füttern, füttern“ - und zwar von April bis November. Neben Katzenfutter würde sich auch Rührei ohne Öl und Gewürze gut eignen.


Futterhaus im Garten braucht immer zwei Zugänge

Um zu verhindern, dass Katzen oder Ratten dem Igel das Futter streitig machen, sollte ein Futterhaus immer zwei Röhren als Zugänge haben, erläutert Christiane Beißner. Bauanleitungen, die auch ohne handwerkliches Geschick umgesetzt werden können, sind im Internet zu finden.

Klara hat vom Igel-Retten noch lange nicht genug. Für die Neunjährige dürften es sogar noch ein paar Stacheln mehr sein. „Ich hätte gerne noch ein Männchen dazu, damit Auguste jemanden zum Spielen hat“, sagt die Viertklässlerin der Grundschule Bokel, die später unbedingt Biologin werden will.

Am kommenden Wochenende wird sich Klara erneut für die Igelrettung einsetzen. Beim Weihnachtsbaummarkt auf dem Gutshof Kassebruch am vierten Advent wird sie ab 11 Uhr selbst hergestellte Marmelade und Schokocrossies für die Igelrettung verkaufen - und hoffentlich so viele Münzen einnehmen, wie Auguste Stacheln hat.

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Erstellt:
12. Dezember 2022, 16:11 Uhr
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