op-up-Läden das Leben in der Innenstadt bereichern

© Arnd Hartmann

Anne Claire Bunte ist die Netzwerkerin der erfolgreichen „Springflut“-Kampagne - sie ist sich nicht zu schade, die Maskottchen-Maske für ein überraschendes Fotomotiv aufzusetzen.

Wie die Pop-up-Läden das Leben in der Innenstadt bereichern

Seit sechs Jahren antwortet die Wohnungsgesellschaft Stäwog Bremerhaven mit der „Springflut“-Kampagne auf leere Geschäfte. Mehr Zwischenmieter bleiben.

Mieter statt Pop-up-Laden

Keine Leerstände: Springflut-Kampagne schreibt Erfolgsgeschichten

Seit sechs Jahren schreibt Bremerhaven eine Erfolgsgeschichte: „Springflut“ heißt das Projekt gegen leere Geschäfte. Mit ihm wagen Gründer den Sprung zur Selbstständigkeit. Beachtung findet das Projekt der Stäwog auch in anderen Städten.

Darum geht es bei „Springflut“

Sie ist das Gesicht hinter der „Springflut“-Kampagne: die Netzwerkerin Anne Claire Bunte. Jeder Gründer in Bremerhaven kennt sie. Um dem Fotografen ein gutes Motiv zu liefern, stülpt sich Bunte ohne Zögern die Känguru-Maske über - Markenzeichen der Erfolgsgeschichte gegen Leerstände, made in Bremerhaven: Mit einer Springflut kreativer Ideen sollen die Leerstände geflutet werden.


Gewerbliche Leerstände zu günstigen Konditionen

Seit sechs Jahren vermietet die städtische Wohnungsgesellschaft Stäwog gewerbliche Leerstände zu günstigen Konditionen. Neudeutsch heißt die Zwischenmiete Pop-up-Store. Weil die Läden aufpoppen, Ideen reinhüpfen wie ein Känguru und vielleicht verschwinden. Oder - und das macht Bremerhaven zum Vorbild für andere Städte - immer öfter bleiben.

„Anne Claire Bunte ist unsere Netzwerkerin, die die Leute zusammenbringt“, lobt Stäwog-Chef Sieghard Lückehe. Manchmal fehlten einem Gründer Mut, Zeit oder seine Idee allein reicht nicht für die Mietung. Wenn Kreative über Springflut zusammenkommen, trauen sie sich, zu mieten. Beispiel: „Galerie querbeet“, wo vier bisher unbekannte Künstler gemeinsam ausstellen.


Ideen im gemachten Nest ausprobieren

„Wir sind Springflutfans“, sagt Christhard Elle von der „Guten Stube“ der Friedenskirche Bremerhaven. Man könne seine Idee im gemachten Nest ausprobieren. Egal ob Künstler, karitative Einrichtung, klassische Gründer oder Migrantin, die eigenes Geld verdienen möchten - die Stäwog hilft, damit Laden und Betreiber zueinanderfinden.

Die Springflutmacher können sich nicht nur über Lob der Gründer freuen: Im niedersächsischen Wunstorf bei Hannover wird die Idee in der Diskussion um Leerstände lobend erwähnt, und auch im Landkreis Verden stellt der „Torfkurier“ die Aktion vor, die von der städtischen Gesellschaft mit Unterstützung der Agentur „bigbenreklamebuero“ vor sechs Jahren gestartet wurde.

In sechs Jahren haben Bunte und Agentur-Fachfrau Viola Haye viel gelernt, was Politik und Gesellschaft langsam auch begreifen: „Unsere Innenstädte werden nicht nur aus Handel und großen Ankermieter bestehen.“ Zur Belebung wird Vielfalt gehören: Wohnen, Dienstleistung, Kleingewerbe, Beratung, Angebote, die nichts kosten - so sei das Gros der sechs aktuellen Pop-up-Läden Dienstleister und Berater.

„Aber einen Gewürz- und Teeladen wie die neue ,Kräuter-Eule‘, gesteht Heye, „haben wir uns schon vor sechs Jahren gewünscht“, sagt Haye. Nun klappt es - ab Frühjahr, so hofft Betreiberin Anja Neubauer, auf Festvermietung und Sitzplätzen vor der Tür.


Hoffen auf Flexibilität der Vermieter

Anne Claire Bunte hofft, dass auch andere Bremerhavener Vermieter flexibler werden und beispielsweise über Staffelmieten nachdenken. „Viele dieser tollen Gründer hätten ohne Springflut nie die Gründung realisiert, weil die Mieten viel zu hoch sind, das schreckt ab.“

Manches Projekt braucht Zeit: Sechsmal haben die erfolgreichen Gründerinnen von „Frauenpower Second Hand“ die Zwischenmiete verlängert, bis sie sich trauten, fest zu mieten. Erfolgreiche Mieter sind die Ex-Pop-up-Läden „Cake & Bowl“ und „Antikes aus der Region“.

„In der Hafenstraße haben wir aktuell keinen Stäwog-Leerstand mehr“, sagt Bunte. Sie hat auch Zahlen parat: In sechs Jahren gab es 95 Projekte in 17 Leerständen, sechs Pop-up-Läden sind es aktuell. Fünf sind direkt in Festmiete übergegangen, vier von den aktuell sechs Pop-up-Läden haben das auch vor. Doch nicht alle sind geblieben: „Einige Gründungen habes es nicht geschafft, Corona war keine leichte Zeit“, erklärt Bunte.

Kontakt zu Springflut: http://springflut-bremerhaven.de

Das sind die aktuellen Pop-up-Läden

Die „Bürger“ (von der Hochschule bis zum Supermarkt „Roter Sand“) ist lang: Die „verlängerte“ Bürger beschreibt die Bürgermeister-Smidt-Straße ab Lloydstraße bis zur „Alten Bürger“/Martin-Donandt-Platz.


1. Galerie „querbeet“
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© Arnd Hartmann

Die Künstler Max de Baer, Angelina Bär und Dieter Rutkowski nutzen den Pop-up-Store in der „Bürger“ 75 als Galerie.


Was ist das?
Alleine hätte keiner einen Galerie-Raum gemietet, doch „Springflut“ hat die malende Bremerhavener Magistratsangestellte Angelika Bär, den malenden Ruheständler Dieter Rutkowski sowie den unter Pseudonym arbeitenden Max de Baer und die Oldenburgerin Elisabeth Schuller-Köster (Metallbildhauerin) zusammengebracht. Im Wechsel öffnen sie die Ladentür, um die ausgestellte Kunst zu zeigen oder zu verkaufen - die meist maritime Kunst von Dieter Rutkowski sogar für einen guten Zweck: Er unterstützt mit dem Reinerlös einen angehenden Arzt aus Ghana.

Wo? Bürgermeister-Smidt-Straße 75 („Bürger“, neben Bremerhaven-Bus)

Wie lange? bis 14. Februar 2023, geöffnet Mittwoch bis Samstag von 15-18 Uhr.

Tipp: Am Sonnabend, 10. Dezember, sind alle Künstler vor Ort, um sich und ihre Kunst vorzustellen.


2. Anlaufstelle: Die gute Stube
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© Arnd Hartmann

Ada Zehe und Christhard Elle von der Friedenskirche Bremerhaven eröffneten einen Pop-up-Store zum Klönschnack als Begegnungscafé in der „Bürger“ 77.


Was ist das?
Eine zwanglose Anlaufstelle für jeden, der mal reden, nicht allein Kaffee trinken oder sich aufwärmen möchte. Ein Drittel der 75 Mitglieder der Friedenskirche engagieren sich hier ehrenamtlich. Finanziert wird das Projekt durch Spenden.

Wo: Bürgermeister-Smidt-Straße 77 („Bürger“, Höhe der Bushaltestellen)

Wie lange? Bis 31. März 2023 immer Donnerstag bis Samstag 16-21 und Sonntag 14-16 Uhr

Tipp: Freiwillige Helfer müssen nicht Mitglied der Kirche sein, können sich auch so engagieren. Finden sich zehn Teilnehmer, öffnet die gute Stube am Heiligabend ab 18.30 Uhr für ein gemeinsames Weihnachtsessen. Anmeldung (kostenfrei) im Geschäft.


3. Vita Soziales - Beratung
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© Wessolowski

Solo gestartet, mittlerweile Angestellter: Bis 31. Dezember ist Giovanni Roseto im Pop-up-Store.


Was ist das?
Meine Mutter ist ein Pflegefall - was steht uns an Hilfe zu? Mein Mann kommt aus der Reha - wie organisiere ich die Nachsorge? Sozialarbeiter und Gesundheitsfachwirt Giovanni Roseto hat die Räume mit „Vita Soziales“ , einer Beratungs- und Entlastungsagentur bezogen. Mittlerweile ist er Angestellter der Firma „Care Creative“. Die Dienstleistung (keine gesetzliche Betreuung) wird mit der Pflegekasse abgerechnet.

Wo? Bürgermeister-Smidt-Straße 111 („verlängerte Bürger“, nahe Formschön-Keramik)

Wie lange? Als Pop-up-Store bis 31. Dezember 2022. Dienstag 10-12 Uhr, Donnerstag 14-16 Uhr und nach Vereinbarung, Telefon 0176/20389975.

Tipp: Das Büro ist barrierefrei.


4. Schneiderei „Nadia“
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© Wessolowski

Macht aus zwei alten Jeans problemlos eine neue Jacke: Nadia Khariaband hat eine Maß- und Änderungsschneiderei eröffnet.

Was ist das? Vor acht Jahren kam sie nach Deutschland, und als zertifizierte Schneiderin fertigt Nadia Khariaband Kleider, Hosen, Taschen und Jacken im preislichen Rahmen, wie sie auch im Handel erhältlich sind. Änderungen und Reparaturen übernimmt sie natürlich auch. Dank des kleinen Stäwog-Ladens und der Hilfe von „Springflut“ schaffte sie es in die Selbstständigkeit.

Wo? Bürgermeister-Smidt-Straße 134 („verlängerte Bürger“, nicht weit von Cake & Bowls)

Wie lange? Verlängert bis 31. Dezember 2022, Montag bis Freitag 9-13 und 15-18 Uhr, Termine via 01573/2022810. Ab Januar will sie fest mieten.

Tipp: Aus zwei alten Jeans macht Nadia coole Jacken.


5. Ladenlokal „Kräuter-Eule“
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© Wessolowski

Anja Neubauer ist aus Weimar nach Bremerhaven gezogen. Mit der „Kräuter-Eule“ hat sie sich selbstständig gemacht.


Was ist das? Auf Reisen hat die gebürtige Dresdnerin Anja Neubauer Kontakte zu kleinen Gewürzmanufakturen und Händlern geknüpft - Libanon, Syrien, Japan - Tees und Gewürze dürfen im denkmalgeschützten Ladenlokal aus den 50er Jahren vor dem Kauf probiert und beschnuppert werden. Die gelernte Controllerin und Mutter weiß, welche Gewürze sich gut mischen lassen.

Wo? Bürgermeister-Smidt-Straße 126 (verlängerte „Bürger“/ 50er-Jahre-Gebäude schräg gegenüber von „Formschön-Keramik“)

Wie lange? Zunächst bis 31. März 2023, Montag, Dienstag, Mittwoch, Freitag von 10-12.45 und 15-18 Uhr, Donnerstag 10-12.45 Uhr. Ab April will sie fest mieten.

Tipp: Griechischen Honig, Öl und extra-scharfe Soßen gibt es auch.


6. Büro „Lernflow“
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© Wessolowski

Lehrerin Tina Lucega hilft Kindern, das Lernen zu lernen.


Was ist das? Bei der gebürtigen Bremerhavenerin Tina Lucega, aus Hamburg zurückgekehrt, dreht sich alles um Lerntherapie. Die Lehrerin bietet keine klassische Nachhilfe, sondern hilft Kindern mit einer Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche, aufzuholen und wieder Freude am Lernen zu haben. Ihr Angebot hilft mit, eine Lücke zu schließen: Oft warten LRS-diagnostizierte Kinder bis zu zwei Jahre auf einen Platz.

Wo: Bürgermeister-Smidt-Straße 148 (verlängerte Bürger, gleiche Seite wie „Cake & Bowls“)

Wie lange? Ab Januar, zunächst via Terminvereinbarung unter 0163/5190723. Internetseite folgt.

Tipp: Vermittlung erfolgt oft über das Regionale Beratungs- und Unterstützungs-Zentrum Rebuz, Leistung ist aber auch für Privatzahler möglich.

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