ende Lebensgeschichte von Pinguins-Trainer Thomas Popiesch

© Ralf Masorat

Thomas Popiesch ist seit 2016 Trainer der Fischtown Pinguins.

Die bewegende Lebensgeschichte von Pinguins-Trainer Thomas Popiesch

Sein Talent für Eishockey ist früh erkannt worden. Doch die Profi-Karriere von Pinguins-Trainer Thomas Popiesch verlief alles andere als gradlinig.

254 Erstligaspiele, 417 in der Zweiten Liga, zusammen 182 Tore. Das sind Zahlen einer ganz gewöhnlichen Eishockey-Laufbahn. Doch die Karriere von Thomas Popiesch, dem Trainer der Fischtown Pinguins, verlief alles andere als normal. Wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs saß er vier Jahre in der DDR in Haft.

Ein Gamsbart, das war für Thomas Popiesch das Zeichen: Ich bin frei. Sieben verschenkte, mitunter demütigende Jahre sind Geschichte, jetzt kann ein neues Leben anfangen.

Es ist ein Frühjahrstag im Jahr 1989, als Popiesch, damals 23 Jahre alt, sich zum zweiten Mal aufmacht, aus der DDR zu fliehen. Er fährt nach Ungarn, um über die grüne Grenze in den Westen zu gelangen. „Die Flucht war brutal emotional“, erinnert sich Popiesch. „Im Dunkeln in der Kälte über Zäune, durch Wälder und durchs Wasser. Und man hat null Orientierung, wo man gerade ist. Man marschiert einfach. Irgendwann bin ich auf einen Hochstand geklettert, um mich auszuruhen. Das war bitterkalt, aber ich bin trotzdem eingeschlafen. Bis mich ein Förster geweckt hat.“

Und an der Stelle kommt der Gamsbart ins Spiel. „Ich war total angespannt, ich wusste ja nicht, ob der Hochstand in Ungarn oder im Westen stand. Aber der Förster hatte so einen Gams am Hut – da war ich sicher, dass ich in Österreich bin“, erinnert sich der heute 57-Jährige. Seine Flucht ist geglückt.


Erster Fluchtversuch scheitert

Sieben Jahre zuvor war die Sache noch ganz anders ausgegangen. Im Herbst 1982, mit 17 Jahren, hatte Popiesch schon einmal einen Fluchtversuch unternommen. Nur, dass er damals nicht im Westen landete, sondern für vier Jahre im Gefängnis.

Thomas Popiesch ist in Ost-Berlin geboren. Sein großes Eishockey-Talent wird schnell entdeckt, er kommt auf eine der Kinder- und Jugendsportschulen, auf denen die sportlichen Aushängeschilder des Sozialismus ausgebildet werden. Er trainiert im Sportforum Hohenschönhausen in Ost-Berlin, spielt bei Dynamo Berlin. Doch Popiesch kommt mit dem System nicht zurecht.

„Die Schwierigkeiten begannen im Alter von 13 oder 14 Jahren. Ich bin immer wieder angeeckt und habe erlebt, welchen Repressalien man ausgesetzt ist. Ich wurde auch für ein Jahr von der Schule verwiesen, unberechtigterweise“, erzählt Popiesch. 1979 war das, und das war der endgültige Bruch mit der DDR, wie er sagt.

„Weil ich ziemlich gut war im Sport, wurde ich begnadigt und durfte zurück auf die Schule. Aber es gab Signale, dass ich irgendwann nicht weiterspielen werden darf. Man hat vermutet, dass ich flüchten will – was ich auch tatsächlich wollte. Sobald ich das erste Mal mit der Mannschaft ins Ausland gefahren wäre, wäre ich abgehauen. Also durfte ich nicht mit, als eine Schweden-Reise anstand.“

„Da hab ich gesagt: Wenn es so nicht geht, muss ich einen anderen Weg wagen.“ Popiesch erzählt das ruhig, fast nüchtern. Dabei hat er mit dieser Entscheidung nicht nur seine Karriere als Sportler in der DDR aufs Spiel gesetzt, sondern sogar sein Leben. „Als 17-Jähriger denkt man ja, man kann alles und es sollte die kleinste Hürde sein, das Land zu verlassen“, erklärt Popiesch seinen Mut in der Rückschau. Er kann heute dabei sogar schmunzeln. Aber es war alles andere als lustig.

Zusammen mit seinem damaligen besten Freund Andree Kaiser, der heute als Fotograf arbeitet, wagte er Ende Oktober 1982 die Republikflucht. „Wir sind nach Bratislava in der Tschechei gefahren. Aber unser Fluchtversuch war sehr amateurhaft. Wir sind am ersten Zaun nicht vorbeigekommen, offensichtlich haben wir einen stillen Alarm ausgelöst.“


In Handschellen nach Prag

Und plötzlich mussten der 17-Jährige und sein Kumpel um ihr Leben bangen: „Das war sehr kribbelig. Wenn einem da so ein tschechischer Wachsoldat, der auch erst 18 oder 19 ist und selber auch nervös ist, plötzlich mit der Kalaschnikow in der Hand und einem bellenden Hund an der Leine gegenübersteht. Da war dann schon Muffensausen. Da wurde man ganz klein.“

Der Fluchtversuch war beendet, bevor er richtig begonnen hatte. Popiesch kam in Handschellen nach Prag, dann über Dresden nach Ost-Berlin. Ins berüchtigte Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen. „Von dem Gefängnis wussten wir damals nichts. Das war für mich unfassbar. Da bin ich auf dem Weg ins Sportforum jeden Tag vorbeigekommen, aber ich wusste nicht, dass da ein Knast ist“, erzählt er. Popiesch saß ein halbes Jahr in Untersuchungshaft in Hohenschönhausen, dann dreieinhalb Jahre in Bautzen.


Am Rande der Gesellschaft

Die Karriere als Sportler war beendet, das Leben in der DDR versaut. Denn als Popiesch die vier Jahre Haft hinter sich gebracht hatte, war alles anders. Seine Eltern, die er in die Fluchtpläne nicht eingeweiht hatte, hatten versucht, ihn über Bekannte aus dem Westen freizukaufen. Aber die Anträge wurden immer abgelehnt. „Ich hatte keine Chance im Bildungsbereich oder auf dem Arbeitsmarkt. Man hat mich quasi am Rande der Gesellschaft existieren lassen. Die Zukunftsperspektive war null.“

Warum er nicht freigekauft werden durfte, erfuhr Popiesch rund 15 Jahre nach seiner Flucht, als er es endlich über sich brachte, sich seine 8.000 Seiten dicke Stasi-Akte anzuschauen. „Sie hatten Angst, dass ich als Sportler im Westen Erfolg habe und Vorbild für andere werde. Also wurde ich in die DDR entlassen und war isoliert.“

Für den verhassten Staat arbeiten, das wollte er nicht. „Meine Eltern haben angegeben, dass sie für meinen Unterhalt sorgen, zum Glück. Wer nicht gearbeitet hat, galt in der DDR als asozial, dafür konnte man ins Gefängnis kommen.“ Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser. Er half seinem Vater, der mit Autoteilen handelte, und verkaufte im Sommer an der Ostsee Modeschmuck. Eishockey spielte er in einer Hobbymannschaft, bei Spartakus Berlin.

Drei Jahre lang ging das so, dann konnte Popiesch nicht mehr: „Irgendwann war die Frage: Was machste jetzt hier? Das ist doch auch kein Leben. Jetzt musst du noch mal was riskieren.“ Als sich der Zerfall der DDR Ende 1988 täglich stärker andeutete und immer mehr Menschen über Ungarn in den Westen flohen, beschloss auch Popiesch, es noch einmal mit der Republikflucht zu versuchen.


Trainerkarriere nach sieben Jahre Pause

Diesmal klappte es, diese Gewissheit hatte er, als er den österreichischen Gamsbart sah. „Der Förster hat mich mit nach Hause genommen, mir was zu essen und Geld gegeben“, erzählt Popiesch. Er ging zu einem West-Bekannten seines Vaters nach Düsseldorf. Der ermöglichte ihm auch einen Neuanfang im Eishockey. Er bezahlte ihm für ein Jahr Wohnung und Lebensunterhalt, so dass Popiesch wieder trainieren konnte. Und der damals 24-Jährige schaffte es tatsächlich, nach sieben Jahren Pause seine Eishockey-Karriere fortzusetzen.

Nach den alten DDR-Trainingsplänen machte er sich wieder fit, trainierte im Nachwuchs der Düsseldorfer EG mit und kam dann beim Zweitligisten Duisburg unter. „Mein erstes Spiel habe ich in Wolfsburg gemacht, und ich habe auch direkt zwei Tore geschossen. Das war ein geiles Gefühl“, erinnert sich Popiesch. 16 Jahre als Profi im Westen folgten, ein neues Leben.

Vor rund 15 Jahren startete der ehemalige Stürmer seine Trainer-Karriere, ausgerechnet im Osten. Nach einem kurzen Intermezzo in Ratingen übernahm Popiesch 2006 die Lausitzer Füchse. Der Zweitligist ist in Weißwasser beheimatet, nur gute 50 Kilometer entfernt von Bautzen.

„Das war schon ein mulmiges Gefühl. Auch, weil ich im Osten immer mal wieder Leuten von früher begegnet bin“, sagt Popiesch. Doch er schaffte es, mit der Vergangenheit abzuschließen. Nach drei Jahren in Weißwasser ging er nach Dresden, seit Anfang 2016 steht er in Bremerhaven an der Bande. Ein ganz normales Trainerleben.

Die Flucht ist Geschichte, der Knast auch. Popiesch ist nicht verbittert. Warum auch? Die DDR ist abgewickelt, er aber lebt immer noch seine Leidenschaft für das Eishockey. Das ist sein größter Sieg. Den Förster hat Popiesch übrigens nie wieder gesehen. Aber seinen Hut mit dem Gamsbart, den wird er nie wieder vergessen.

Dieser Artikel erschien erstmals im Februar 2016

ende Lebensgeschichte von Pinguins-Trainer Thomas Popiesch

© Hartmut Adelmann

2004 spielte Popiesch in der Eishockey-Oberliga für die Moskitos aus Essen.

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Erstellt:
3. Oktober 2022, 14:05 Uhr
Lesedauer:
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