gel in Bremerhaven: Bei uns tut es schon lange weh

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Die Stimmung an den Bremerhavener Grundschulen ist nicht gut: Laut Gewerkschaft GEW klagen die Lehrer über Arbeitsverdichtung, das System ist auf Kante genäht, so dass auch viele Erzieher als Vertretung aushelfen müssen. Dass jetzt auch Klagen aus der Stadt Bremen kommen, verwundert in Bremerhaven, wo man mit dem Lehrermangel schon viel länger zu kämpfen hat.

Lehrermangel in Bremerhaven: Bei uns tut es schon lange weh

Seit Jahren leiden die Schulen in Bremerhaven unter dem Lehrermangel. Dass jetzt in Bremen auch solche Probleme laut beklagt werden, verwundert hier.

Inzwischen fehlen 170 Lehrer

Lehrermangel: Erste Klagen in Bremen, aber Bremerhaven leidet seit Jahren.

Unterrichtsausfall, Ausfall von Ganztagsbetreuung: Der Lehrermangel ist auch in der Stadt Bremen ein Thema. Viele Lehrer in Bremerhaven, die schon lange mit viel größeren Problemen zu kämpfen haben, reiben sich über die Klagen verwundert die Augen.

„Bremen macht eine Welle, wenn es mal zwickt. Bei uns tut es schon lange weh“, sagt Peter Riebensahm von der Bremerhavener GEW. „Wo die stehen, waren wir bereits vor fünf bis zehn Jahren schon“, ergänzt der Stadtverbandsvorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Und gegen die Missstände habe der Senat in Bremen wenig gemacht. Anlass der Kritik sind Medienberichte über vermehrten Unterrichtsausfall in der Stadt Bremen, der in der Bildungsdeputation diskutiert wurde. Dabei wurden auch Zahlen genannt: Bremen bräuchte 5.782 Lehrkräfte. Es gibt aber nur 5.686, 96 Vollzeitstellen seien nicht besetzt.


In Bremerhaven fehlen wesentlich mehr Lehrer als in Bremen

Diese Zahlen beeindrucken in Bremerhaven allerdings nicht. Hier fehlen 66 Lehrer bei insgesamt 1.339 Stellen. Diese Zahlen hatte Stadtrat Michel Frost (parteilos) zum Schuljahresbeginn bekanntgegeben. Da sind die Lücken im Vergleich zur Lehrer-Ausstattung in Bremen natürlich wesentlich größer. Aber die GEW hat noch eine ganz andere Rechnung als Frost. Und die sieht noch schlimmer aus.

Die Gewerkschaft fragt einmal im Schuljahr ihre Kontaktlehrer an den Schulen, wie es dort aussieht. Das ist nicht repräsentativ, gibt aber laut GEW schon ein gutes Gesamtbild ab, weil auch mit den Schulleitungen gesprochen wird. Für eine solide Ausstattung der Schulen fehlen laut GEW 170 volle Stellen.

In Bremerhaven gebe es keine Grundschule mehr, bei der personalmäßig die Sollstärke erreicht wird. Riebensahm fordert angepasste Strategien, um das Problem kurz-, mittel- und langfristig anzugehen. Er erinnert zudem daran, dass in den Schulen immer mehr Kräfte über Maßnahmen und Teilzeitverträge eingestellt wurden. „Wenn sie eingestellt werden, dann muss man auch dafür sorgen, dass sie berufsbegleitend weiterqualifiziert werden zur vollen Kraft“, sagt er und warnt vor einer Prekarisierung der Arbeitskräfte.

Wie schlecht die Stimmung ist, haben nach Ansicht der Gewerkschafter in der vergangenen Woche zwei Personalversammlungen der Beschäftigten in den Bremerhavener Grundschulen offenbart. „Viele Erzieher sind frustriert“, sagt GEW-Landesvorstandssprecherin Elke Suhr. Eigentlich sollen sie sich in den Schulen als Zweitkraft um besondere Angebote zum Erlernen von Sozialverhalten kümmern, um soziales Lernen, um besondere Formen wie Rollenspiele. „Aber dazu kommen sie nicht“, sagt Suhr. Sie seien verstärkt als Vertretungsreserve im Einsatz, „sie gehen in die Klassen, weil jemand fehlt“, sagt Suhr.


Viele Erzieher haben nur befristete Verträge

Ein weiteres Problem: Viele Erzieher seien finanziert worden mit Geldern, die eigentlich für die Einstellung von Lehrern vorgesehen waren. Aber weil die kaum noch zu bekommen sind, wurden die Mittel umgewidmet. Allerdings: Die Verträge der Erzieher sind immer befristet. „Wir brauchen einen anderen Umgang. Sie holen die Kohlen aus dem Feuer und müssten fest angestellt werden“, sagt Suhr.

Bei der Personalversammlung für die Grundschullehrer sei über die Arbeitszeitverdichtung in den vergangenen drei Jahren gesprochen worden. „Alle Schulen sind auf Kante genäht. Fallen ein oder zwei Lehrer aus, fällt das Kartenhaus zusammen“, sagt Suhr. Es fehle besonders an Sonderpädagogen. Es gebe sie, aber auch sie müssten verstärkt als Regellehrkräfte arbeiten, anstatt sich um Kinder zu kümmern, die besonderen Förderbedarf haben. Sie könnten so nicht mehr auf intensiv auf die Bedürfnisse eingehen, wenn sie 22 Kinder vor sich haben.

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Erstellt:
11. Oktober 2022, 14:37 Uhr
Lesedauer:
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