entat: Diese „verrückten Dinge“ gingen den Lehrern durch den Kopf

© Regina Konradi

Vor dem Landgericht in Bremen muss sich ein 21 Jahre alter ehemaliger Schüler des Lloyd Gymnasiums verantworten. Am 19. Mai vergangenen Jahres hatte er hier Angst und Schrecken mit einer Armbrust verbreitet. Auch unter den Lehrern, denen er mit der Waffe entgegentrat, gab es Todesangst.

Lloyd-Attentat: Diese „verrückten Dinge“ gingen den Lehrern durch den Kopf

Als der Armbrust-Angreifer ins Lloyd-Gymnasium ging, suchte er gezielt die Schulleitung auf und traf dort auf drei Lehrer. „Ich hatte Todesangst, habe an meine Familie gedacht und mich gefragt: Sterbe ich hier?“, sagt einer der Lehrer vor Gericht.

„Ich hatte Todesangst“

Lehrer sagen als Zeugen aus, die dem Armbrust-Schützen als Erste begegneten

Am sechsten Prozesstag waren die Lehrer geladen, die den schrecklichen Angriff des 21 Jahre alten ehemaligen Schülers am 19. Mai vergangenen Jahres miterleben mussten. Ihr Gemeinschaftsbüro liegt neben dem Sekretariat. Als der Mann, der wegen versuchten Mordes angeklagt ist, durch die Tür eintrat, dachte einer der Lehrer zunächst an einen Abiturientenspaß. „Was wird das jetzt hier?“, fragte noch einer der Kollegen. Aber als er die Armbrust erkannte, wurde dem 37-Jährigen schnell klar, dass die Lage gefährlich war.

Die Lehrer sprechen von einem unaufgeregten, forschen Ton des Angreifers. Er habe klare Forderungen gestellt, wollte Ungerechtigkeiten klären, die ihm als Schüler widerfahren seien, und habe nach einer Kollegin gefragt, mit der er sprechen wollte. Der angesprochene 53 Jahre alte Lehrer verweigerte die Auskunft, dann habe es einen Augenblick der Stille gegeben.


Lehrer: „Ich dachte, der drückt ab“

„Der wusste, was er wollte. Deshalb hatte ich Angst, dass es richtig gefährlich wird, wenn ihm das verweigert wird“, sagt der 42-jährige Kollege, der vor Gericht seine Todesangst beschreibt. „Ich dachte, der drückt ab“, sagt er. „Ich habe an Fluchtmöglichkeiten gedacht und mich dabei gefragt, ob ich meine Tasche mitnehmen soll. So verrückte Dinge gehen einem dabei durch den Kopf.“ Als der Angeklagte dann den Raum wieder verlassen habe, habe er sein Glück kaum fassen können.

Für die Sekretärin bedeutete das allerdings eine Katastrophe. Der Angreifer habe sich anschließend vor den Schreibtisch der Sekretärin gestellt. Und dann legte er an. Richterin Gesa Kasper fragte immer wieder nach: „Wie war dabei die Haltung?“ Offenbar ist es für das Strafmaß von Bedeutung, ob der Angeklagte eher ziellos und ungenau schoss, wie er es selbst darstellt, oder ob er beidhändig angelegt hat, genau zielte und womöglich dabei das Visier der Armbrust benutzte. Der 37-jährige Lehrer, der den ersten Schuss genau mitbekommen hat, gibt eine klare Beschreibung: „Er stand vor dem Schreibtisch, er hielt auf sie an, mit beiden Händen an der Armbrust.“ Und: „Das sah schon zielend aus, das war nicht aus der Hüfte.“ Es sei auch gut möglich, dass er das Visier benutzt habe.

Mit den schlimmen Folgen der Schüsse kämpfte der 42 Jahre alte Kollege. Er versorgte zunächst die verletzte Sekretärin im Schulleitungszimmer, bis die Polizisten kamen. „Ich fürchtete, sie kollabiert, ich war in Panik.“ Dann habe er sich klar gemacht, dass er auf sie einsprechen muss. „Sie schrie, hatte Schmerzen und wollte sich den Pfeil herausziehen.“ Er habe dann ihre Hand vom Pfeil genommen und weiter mit ihr gesprochen.


Vater erfährt im Gericht vom Selbsttötungsversuch

Der Angeklagte äußert sich nur selten. Diesmal spricht er darüber, wieso er sich fast rund um die Uhr mit Video-Kampfspielen beschäftigte. „Das hat mich am Leben gehalten, das hat mich davon abgehalten, mich zu suizidieren“, sagt er. Sein Vater, der den Prozess verfolgt, weint, als er im Gericht erfährt, dass sein Sohn vor zwei Jahren versucht hatte, sich umzubringen. Mit dem Gürtel eines Bademantels. Er berichte darüber jetzt erstmals, sagt er. „Es tut mit leid, wenn mein Vater das jetzt hört.“ In einem Suizidforum habe er über seinen misslungenen Versuch berichtet und um Ratschläge und Alternativen gebeten. Er bekam sie. Er habe darauf gehofft, bei seiner Aktion im Gymnasium von Polizisten erschossen zu werden. Einen Amoklauf, bei dem viele sterben, habe er nicht vorgehabt.

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Erstellt:
20. Januar 2023, 07:02 Uhr
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