entat: Lehrerin leidet noch heute unter Alpträumen

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Was der Angeklagte mit seinem bewaffneten Angriff im Lloyd Gymnasium am 19. Mai angerichtet hat, erfuhr er am zweiten Verhandlungstag am Dienstag von einer Musiklehrerin, die inzwischen in einer Klinik versorgt wird. Sie war nicht in der Lage, seine Stimme anzuhören, als er sich bei ihr entschuldigen wollte.

Lloyd-Attentat: Lehrerin leidet noch heute unter Alpträumen

Vor dem Landgericht Bremen wurde der Prozess zum Lloyd-Attentat fortgesetzt. Eine Lehrerin war als Zeugin geladen.

Angst begleitet Lehrerin bis heute

Angriff im Lloyd Gymnasium: Zeugin schildert, wie sie um das Leben ihrer Schüler zitterte

Die Lehrerin war nicht in der Lage, die Stimme des Angeklagten zu ertragen. Der wollte sich entschuldigen. Aber die Wucht der Ereignisse vom 19. Mai im Lloyd Gymnasium, als sie um das Leben der Schüler zitterte, hat sie aus der Bahn geworfen.

„Ich glaube, heute nicht“, sagte die Lehrerin, als Richterin Gesa Kasper fragte, ob sie die Worte hören wolle, die der Angeklagte an sie richten wollte. Sie ertrug es nicht. Seit zwei Wochen befindet sich die 53-Jährige in einer Klinik zur Behandlung der „posttraumatischen Belastungsstörung“, die sie bis heute mit Angstzuständen, Alpträumen, Flashbacks und Schlafstörungen quält. Die Lehrerin hat Gedächtnisprobleme und findet nicht mehr die richtigen Worte.


Erstmals Bekanntschaft mit der Amok-Alarm-Durchsage

Als der 21 Jahre alte ehemalige Schüler, der sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Bremen verantworten muss, am 19. Mai gegen 9 Uhr mit Armbrust, Machete und Messern ins Lloyd Gymnasium ging, unterrichte die Musiklehrerin gerade 20 Schüler eines Oberstufenkurses. Erstmals hörte sie das Codewort, mit dem die Schulleitung vor einem Amoklauf warnt. Sie verriegelte die Tür und versuchte, die Schüler zu beruhigen.

Es folgte ein fünfeinhalbstündiger Horrortrip.

Der begann mit Falschmeldungen, die die Schüler über ihre Handys erreichten. „Jemand ist ermordet worden, später sollten sogar mehrere ermordet worden sein“, sagte die Zeugin. „Das ging rum wie ein Lauffeuer“, ergänzte sie. Die Schüler waren aufgeregt. Aber richtig schlimm wurde es, als der Lehrerin mitgeteilt wurde, sie solle weitere Schüler im Raum aufnehmen, die bislang frei durch die Flure liefen. Die Schüler klopften. „Wer ist das, fragten wir uns.“ Die Angst, einem Amokläufer die Tür zu öffnen, war riesig. Jeder vor der Tür wurde befragt und dann mit Herzklopfen die Tür geöffnet. „Die Kinder hatten Angst, sie schrien“, berichtete die Lehrerin. 50 weitere Schüler kamen so in ihren Raum, den sie durchgehend an der Tür bewachte. „Ich habe da gestanden wie ein Zinnsoldat“, sagte sie. Es war heiß und stickig im Raum, es gab Angstschreie, einige Schüler bekamen Kreislaufprobleme. Eine Schülerin brach zusammen und musste zu den Sanitätern gebracht werden.


Lehrerin hat sich selbst als Zeugin gemeldet

Die Lehrerin hatte sich selbst als Zeugin bei Gericht gemeldet, als sie gehört hatte, dass sie nicht wie andere Kollegen geladen worden ist. Monatelang hatte sie weiterhin unterrichtet, erst seit wenigen Wochen geht nichts mehr. Die Aussage vor Gericht soll ihr auch helfen. „Ich will einen Abschluss finden“, sagte sie. Und sie habe deutlich machen wollen, dass die Folgen des bewaffneten Angriffs bis heute nachwirken. Erst nach der Zeugenaussage werde sie wohl eine Traumatherapie beginnen.

Und was wollte der Angeklagte ihr sagen? Als die Zeugin den Gerichtssaal langsamen Schritts verlassen hatte, fragte Richterin Kasper den Angeklagten. „Ich wollte mich einfach bei ihr entschuldigen, ihr sagen, dass es mir leidtut, für alles, was sie durchmachen musste“, sagte er. Er hatte als Neuntklässler selbst Musikunterricht bei der Frau mitgemacht. „Ich kenne sie als Musiklehrerin und weiß, dass sie ihren Job mag. Ich wollte sie etwas aufmuntern, das ist alles, was ich machen kann.“

Wie wurde der Mann zu jemandem, der zweimal auf einen wehrlosen Menschen in der Schule schießt und dann wahllos auf andere Ahnungslose auf offener Straße anlegt und abdrückt? Eine Vermutung: Der exzessive Gebrauch von brutalen Ballerspielen im Internet.


Zu viel Zeit mit Ballerspielen verbracht

Der Angeklagte hatte bereits als Grundschüler zu viel Zeit mit solchen Spielen verbracht, zunächst angeblich mit dem Segen der Eltern. Erst später hagelte es Verbote, als er immer mehr und immer länger spielte, stundenlang bis in die Nächte hinein. Die Leistungen in der Schule fielen ab. „Ego Shooter“ ist so ein Spiel, wo in einer dreidimensionalen Welt andere Figuren mit Schusswaffen bekämpft und getötet werden. Gut ein Jahr vor der Gewalttat in der Schule, so sagt der Angeklagte, habe er das Spiel nicht mehr angefasst.

Kurz vor der Tat war er mit „League of Legends“ beschäftigt, wo ebenfalls die Gegner getötet werden. Er spielte auch „Rust“. Hier wird ebenfalls der Gegner mit Waffen angegriffen. Und hier taucht auch eine Armbrust im Spiel auf.

Waren das die Vorlagen für den Angriff auf die Schule, bei der er eine Lehrerin zur Rede stellen wollte, die er für sein Scheitern verantwortlich machte? Und bei der er die Sekretärin mit zwei Bolzenschüssen schwer verletzte?

Richterin Kasper sorgte jetzt dafür, dass diese Tatwaffe nicht auch noch vor den Augen des Opfers im Gerichtssaal begutachtet wird. „Ich halte es für angemessen, das nicht zu tun“, sagte sie.

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Erstellt:
29. November 2022, 11:40 Uhr
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