önig der Schausteller vom Thron fiel

© Glückselig

Friedrich Finnendahl präsentiert das Kündigungsschreiben. Zum 1. März 2023 müssen er und seine Frau Birgit raus sein. Die Finnendahls schwanken zwischen Wut und Traurigkeit.

Wie der König der Schausteller vom Thron fiel

Als Schausteller wollte Friedrich Finnendahl hoch hinaus und verlor alles. Nun platzt auch sein Traum vom Restaurant am Deich in Fedderwardersiel.

Diese Zwei stehen immer wieder auf

Finnendahls müssen Restaurant räumen - Als Schausteller viel gewollt und alles verloren

Er strebte aufs Dach der Welt und stürzte ab. In Fedderwardersiel gelang es Friedrich Finnendahl mit einem kleinen Restaurant, wieder auf die Beine zu kommen. Tapfer überstand er die Corona-Zeit. Doch jetzt muss er abermals ganz von vorne anfangen.

Friedrich Finnendahl ist kein Mann für halbe Sachen. Wenn er etwas anpackt, dann richtig. Einmal jedoch hat er zu viel gewollt.

Der heute 73-Jährige, Schausteller in vierter Generation, besaß in den 80er Jahren die größte transportable Abenteuerbahn der Welt. Sie trieb ihn erst an den Rand des Ruins, weil nichts lief, machte ihn dann, als die Startschwierigkeiten behoben waren, zu einem reichen Mann.

So hätte es weitergehen können. Doch Friedrich Finnendahl, den in der Branche alle Friedel nennen, wollte mehr. Heute weiß er, dass es der wohl größte Fehler seines Lebens war.

Lotte hat es sich an ihrem Lieblingsplatz hinten auf der Eckbank bequem gemacht. Die Jack-Russel-Hündin ahnt nichts von den düsteren Wolken, die über Herrchen und Frauchen schweben. Wolken, die nach dem bisherigen Stand der Dinge wieder einmal alles auf Null setzen.

Friedel Finnendahl und seine Frau Birgit pendeln zwischen Wut und Traurigkeit. Gerade haben sie in ihrem Restaurant am Deich in Fedderwardersiel alles schön gemacht und den Laden zum Laufen gebracht. Nun liegt die Kündigung auf dem Tisch.

Ein Blick in die Geschichte: 1886 wurde die Familie Finnendahl erstmals im Zusammenhang mit der Schaustellerei urkundlich erwähnt. Für Friedel Finnendahl, der in Mülheim aufwuchs, war sonnenklar, dass er wie seine Vorfahren Schausteller werden würde.

Seine Mutter setze ein P davor, zwang ihn, eine Lehre als Koch zu absolvieren. Friedrich Finnendahl gehorchte wohl oder übel, überwarf sich letztlich mit seiner Mutter, schlug sich als Mietwagenfahrer in Köln durch. Dann erfüllt er sich endlich seinen Traum.

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© Finnendahl

Friedrich Finnendahls „Fantastische Reise“ war in den 80er Jahren die größte transportable Abenteuerbahn der Welt.

Die Anfänge waren bescheiden. Friedrich Finnendahl baute aus Teilen vom Schrott eine Nagelbank und zog damit über die Jahrmärkte.

Er arbeitete hart, verdiente ordentlich, leistete sich als nächstes einen Automatenwagen mit 12 Glücksspielautomaten. In Duisburg wurde der Wagen erst ausgeraubt und dann angezündet. Friedel stand wieder auf, richtete die Krone. Und sollte schon bald ein Fall fürs Buch der Rekorde werden: mit der „Fantastischen Reise“.

So hieß die seinerzeit größte transportable Abenteuerbahn der Welt, mit der Friedrich Finnendahl überall für Aufsehen sorgte. Technisch war die Bahn, deren Bestandteile 18 Trucks füllten und deren Aufbau fünf Tage in Anspruch nahm, anfangs so unausgegoren, dass sie ihm fast das Genick gebrochen hätte. Doch Tüftler Friedel fand für alles eine Lösung. Und dann rollten nicht nur die Wagen, es rollte auch der Rubel.

Aus für Fedderwardersieler Restaurantbetreiber
Vom Millionär zum Tellerwäscher: Friedrich Finnendahl wollte als Schausteller hoch hinaus und verlor alles. Mit einem kleinen Restaurant in Fedderwardersiel hat er wieder Fuß gefasst. Nun hat ihm der Verpächter gekündigt.


Top of the World wird zum Flop of the World

Die Geschichte könnte an dieser Stelle zu Ende sein. Wenn ihr Hauptdarsteller nicht Friedrich Finnendahl wäre. Der eine Rekord reichte ihm nicht. Inspiriert von einem Turm, den er auf der Hannovermesse sah, ließ sich Friedrich Finnendahl das „Top of the World“ bauen.

Der Aussichtsturm, in den er sein gesamtes Geld gesteckt hatte und in dem 132 Fahrgäste bis auf eine Höhe von 95 Metern fahren konnten, bescherte ihm einen weiteren Eintrag ins Buch der Rekorde. Und erwies sich als ein gigantischer Flop.

Niemand wollte einsteigen in den Monsterturm. Friedrich Finnendahl musste Insolvenz anmelden. Vom Dach der Welt stürze er auf den harten Boden der Tatsachen ab und besaß nichts mehr.


Neustart mit Gulaschkanone und Popcornmaschine

Der Weg vom Millionär zum Tellerwäscher ist hart. Aber Friedrich Finnendahl ist kein Mann, der den Kopf in den Sand steckt. Er fing von vorne an: erst mit einer Popcornmaschine, dann mit einer Gulaschkanone. Später - inzwischen war Friedels jetzige Frau Birgit an seiner Seite - betrieb er einen mobilen Fischimbiss, der immerhin 80 Gästen einen Platz bot.

Schausteller sind nicht glücklich, wenn sie nicht auf Reisen sind. Es sei denn, es fühlt sich ein bisschen so an wie auf Reisen. Birgit und Friedrich Finnendahl stellten fest, dass die Rahmenbedingungen in ihrer Branche immer schlechter wurden. Daher sahen sie sich nach einem kleinen Restaurant um - und fanden es im Ferienpark Fedderwardersiel.

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Die Finnendahls haben in das Restaurant am Deich eine Menge Geld investiert. Nun müssen sie es räumen.

Mitten in der Corona-Zeit eröffneten sie Mitte 2020 das Restaurant am Deich, drehte den Laden auf links und investierten laut Friedrich Finnendahl rund 20.000 Euro, um alles schön zu machen - unter anderem für einen überdachten Schwenkgrill, auf dem Friedel über einem Birkenholzfeuer Steaks grillt. Das ist die Spezialität des Hauses.

Birgit und Friedrich Finnendahl überstanden die Lockdowns, sie steuerten ihr kleines Schiff in einen vermeintlich sicheren Hafen, mit vielen Stammkunden an Bord. Dann kam das Riff, das nun alles zunichte zu machen droht.


„Im Winter haben wir uns durchgewurstelt“

Mit ihrem Vermieter, dem Eigentümer des Ferienparks, gab es hier und da Meinungsverschiedenheiten. Einmal überwiesen die Finnendahls die Miete zu spät, nachdem sie im Winter kaum Umsatz gemacht hatten; „wir haben uns so durchgewurstelt“, sagt Friedrich Finnendahl. Dann habe es Unstimmigkeiten wegen einer Reservierung gegeben, berichten sie.

Die eiskalte Dusche erwischte die Finnendahl, als der Vermieter ihnen sagte, dass er die Miete erhöhen müsse - angeblich auf das Dreifache der bisherigen Summe.

„Das ist unmöglich“, sagt Birgit Finnendahl, „so viel wirft der Laden nicht ab“. Das haben die Finnendahls auch ihren Vermieter wissen lassen - und erhielten die schriftliche Kündigung, die im kommenden Jahr wirksam wird. Zum 1. März 2023 müssen sie raus.

Die Nachricht von der Kündigung hat unter den treuen Stammkunden - vornehmlich Urlaubsgäste, die regelmäßig ihre freie Zeit in der Nurdachhaus-Siedlung verbringen - bereits die Runde gemacht. Ein Stammgast schreibt auf Facebook, dass er nicht mehr in den Ferienpark kommen werde, wenn die Finnendahl nicht mehr da sind.

Die Noch-Betreiber des Restaurants am Deich haben private Zuschriften erhalten, deren Absender ihnen zusprechen und sich wünschen, dass doch noch alles gut wird. Doch dafür sehen Birgit und Friedrich Finnendahl keine Chance. Sie glauben nicht, dass es noch zu einer Einigung zwischen ihnen und dem Vermieter kommen wird.


Resignation ist für die Finnendahls keine Option

Die Finnendahls sind traurig und auch wütend, wobei das Pendel mal in die eine und mal in die andere Richtung ausschlägt. So bitter die Situation auch ist, kommt für die Finnendahls dennoch eines nicht in Frage: resignieren.

„Irgendwie wird es weitergehen. Es nützt ja nichts“, sagt Friedrich Finnendahl, der kaum etwas beiseite legen konnte und auch keine üppige Rente erwarten darf. Er hat keine Wahl, sondern muss weiterarbeiten.

Aktuell sehen sich der 73-Jährige und seine 59 Jahre alte Frau nach einem neuen Restaurant um. In Butjadingen werden sie es wohl nicht finden.

Der Vermieter des Restaurants am Deich war bislang für ein Gespräch nicht zu erreichen.

Friedrich Finnendahl ist 73 Jahre alt. Er hat in seinem ganzen Leben noch keine feste Wohnung gehabt. Das brauchte und wollte er als Schausteller auch nicht.

In Fedderwardersiel leben Friedrich Finnendahl und seine Frau Birgit in einem Schausteller-Wohnwagen aus dem Jahr 1965. Er ist hinter dem Restaurant am Deich geparkt und bietet dem Paar bei einer Länge von 12,5 Metern und einer Breite von 2,5 Metern rund 30 Quadratmeter Platz. Ein winziges Wohnzimmer, ein Schlafzimmer eine Küche und ein Bad - die Finnendahls vermissen nichts.

Im Winter hat ihnen der Wind von See zu schaffen gemacht, der unter den Wagen fegte und Kälte mitbrachte. Die Finnendahls haben mit einer Plane für Abhilfe gesorgt. Die werden sie nun bald wieder abbauen müssen. Das Paar hofft, nicht nur ein neues Restaurant zu finden, sondern auch einen neuen Platz für ihr rollendes Zuhause.

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Dieser Wohnwagen aus dem Jahr 1965 ist das Zuhause der Finnendahls. Sie werden sich einen neuen Stellplatz dafür suchen müssen.

Ein Wohnwagen ist ihr Zuhause

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