ernentin wirft Stadt bei Klimaschutz "Dünnpfiff" vor

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Stadträtin Dr. Susanne Gatti ärgert sich über das Klima im Magistrat und über die Klimaschutz-Anstrengungen der Stadt Bremerhaven generell. Sie tritt deshalb als Umwelt-Dezernentin zurück.

Umweltdezernentin wirft Stadt bei Klimaschutz "Dünnpfiff" vor

Stadträtin Dr. Susanne Gatti (parteilos) will zum Monatsende vom Amt als ehrenamtliche Umweltdezernentin zurücktreten. Grund: Der Umgang mit Klimaschutz.

Stadträtin Gatti gibt Amt ab

Wissenschaftlerin kann Entscheidungen zum Klimaschutz nicht mittragen

Unzufrieden über die Zusammenarbeit im Bremerhavener Magistrat war Stadträtin Dr. Susanne Gatti schon lange. Jetzt tritt die Wissenschaftlerin zurück. Uns hat sie erläutert, warum die Klimaschutz-Aktivitäten der Stadt für sie teils „Dünnpfiff“ sind.

Die parteilose Stadträtin Dr. Susanne Gatti will zum Monatsende als Umweltdezernentin in Bremerhaven zurücktreten. Das hat die promovierte Meeresbiologin nach der Magistratssitzung am Mittwoch beschlossen.

Im Gespräch mit der NORDSEE-ZEITUNG macht sie ihrem Frust und Ärger über die Zusammenarbeit im Magistrat Luft: „Kollegial ist da gar nichts am Kollegialorgan“, schimpft sie.


Ergebnisse aus dem Enquetebericht aufarbeiten

Hauptgrund für den Rücktritt: Die politische Mehrheit aus SPD, CDU und FDP habe eine Entscheidung durchdrücken wollen, die die Mitarbeiterin des Alfred-Wegener-Institus für Polar- und Meeresforschung (Awi) nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren kann.

Die Umweltdezernentin war vom Magistrat beauftragt worden, die Ergebnisse aus dem Enquetebericht „Klimaschutz-Strategie für das Land Bremen“ für die Seestadt aufzuarbeiten.

In Bremen habe man über 180 Maßnahmen aufgelistet, diese aber nicht für Bremerhaven aufgeschlüsselt oder ermittelt, welche Aufgaben kommunal sind und welche man gemeinsam mit dem Land stemmen muss.

Mit Hilfe des Klimastadtbüros hat Gatti dies nachgeholt. Ihre Vorlage zeigt einen Fahrplan, wie man vorgehen sollte. Denn die Hälfte aller Aufgaben werden kommunale sein. Viele planerische Aufgaben kämen auf die Stadt zu.


Es brauche Konzepte statt Wahlkampfmaßnahmen

Gatti nennt ein Beispiel: Wie will man die Stadt langfristig klimaneutral mit Wärme versorgen? „Dafür gibt es nicht die eine Lösung, da müssen sich Ingenieure dransetzen“, sagt sie. Gleiches gelte für eine Bau-, Entsiegelungs- und Grünflächenstrategie, für Verkehr. Es brauche Stufenpläne, Ziele und ausfinanzierte Konzepte statt schillernde Wahlkampfmaßnahmen.

Doch kurz nachdem sie die Vorlage ausgegeben hatte, wurde Gatti eröffnet: Sie sollte die Vorlage ändern und mitunterschreiben, dass zum Erreichen der Klimaneutralität fünf von der Koalition bereits öffentlich vorgestellte Maßnahmen sinnvoll seien und umgesetzt werden sollen: Zwei Programme für vergünstigte Bustickets, Renaturierung der Neuen Aue, Solarförderung und Schutz von Insekten.

Gatti kritisiert: „Das sind zum Teil Naturschutzprojekte. Die mögen sinnvoll sein, haben aber nichts mit einem strukturierten Fahrplan für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes in Bremerhaven zu tun.“ Das seien bloß Überschriften und Summen ohne Finanzierungsquelle.

Was Gatti empört: „Zwei Jahre lang haben in Bremen Wissenschaftler und Politiker gemeinsam gearbeitet, um wirklich strukturell etwas am CO2-Austoß zu verändern. Und die Bremerhavener Koalition wischt das alles an einem Freitag vom Tisch.“


Könnte meinen Kollegen nicht in die Augen gucken

Das könne sie nicht tolerieren: „Wenn ich bei dem Dünnpfiff mitgehe, kann ich meinen Arbeitskollegen oder dem Senat nicht mehr in die Augen gucken“, formuliert es Gatti drastisch.

Mit Mails an ihre Magistratskollegen habe sie den Gewissenskonflikt dargelegt. Innerhalb von zwei Wochen hätten sich weder Melf Grantz (SPD) noch Torsten Neuhoff (CDU) oder Bernd Schomaker (FDP) gemeldet.

In der Magistratssitzung am Mittwoch sei dann lapidar der Hinweis gekommen, sie hätte die Vorlage zurückziehen können, wenn sie mit der Änderung nicht einverstanden ist. „Dann wären aber auch alle erarbeiteten Ergebnisse wohl in der Schublade verschwunden“, sagt Gatti.

Dass Gatti erst zum Monatsende zurücktreten will, hat einen Grund. Sie habe ein für Wulsdorf wichtiges Projekt noch nicht abschließen können. Das will sie aber unbedingt auf den Weg bringen.

Ist das das Aus für Gatti und die Politik? „Momentan ja. Sollten sich die Vorzeichen ändern, kann es sein, dass ich weich werde. Denn der Klimaschutz liegt mir ja immer noch am Herzen.“

Die Wahl im Blick, nicht die Zukunft

Zwei Jahre hat die Enquete-Kommission gearbeitet, um einen Fahrplan für CO2-Einsparung im Land Bremen aufzuzeigen. Doch in Bremerhaven wartet man lieber ab, anstatt zu planen: Wie heizen wir bis 2038 klimaneutral? Wie kühlen wir die Stadt? Wie lenken wir den Verkehr? Wo bauen wir, wo nicht? Solche Pläne gibt es nicht, weil die „Partner“ SPD, CDU und FDP bei großen Fragen keine Linie finden. Stattdessen gibt es einfache Programme, die alle vertreten können und mit denen man rechtzeitig vor der Wahl punktet. Dass die parteilose Wissenschaftlerin Gatti hinschmeißt, ist also nachvollziehbar. Bremerhavens Politik schmückt sich bei Sonntagsreden mit dem Alfred-Wegener-Institut. Will vom Label der Arbeitslosen-Hauptstadt weg und zur Stadt der Wissenschaft aufwachsen. Da wäre der erste Schritt, den Experten für Klimaschutz auch mal zuzuhören.

Von Maike Wessolowski

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Erstellt:
26. Oktober 2022, 17:24 Uhr
Lesedauer:
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