enkind in Kenia zum Lehrer in Hamburg

© Hilken

Philip Oprong Spenner aus Kenia, heute Lehrer in Hamburg, bringt die Landfrauen nach der Kaffeetafel mit kleinen Übungen in Schwung, bevor er über sein enorm ungewöhnliches Leben erzählt.

Vom Straßenkind in Kenia zum Lehrer in Hamburg

Als Straßenkind in Kenia erlebt er die „Hölle auf Erden“. Heute ist er Lehrer in Hamburg. Seinen Lebensweg schildert Philip Oprong Spenner in Ohrel.

Vom Straßenkind zum Lehrer

Kenianer schildert beim Kreislandfrauentag Lebensweg von der „Hölle auf Erden“ zum Pädagogen

Als Straßenkind erlebt er in Kenia die „Hölle auf Erden“. Nur ein Wunder rettet ihn damals vorm Selbstmord. Heute ist Philip Oprong Spenner Lehrer in Hamburg. Der 43-Jährige schildert beim Kreislandfrauentag in Ohrel den Weg vom Dunkeln ins Licht.

Die Zuhörerinnen hängen Philip Oprong Spenner förmlich an den Lippen. In geschliffenem Deutsch erzählt der Afrikaner in Ohrel aus seinem kontrastreichen Leben. Einem Leben, wie man es sich angesichts des Wohlstandes in Deutschland nicht annähernd vorstellen kann.

Was Philip Oprong Spenner als Kind an körperlichen und seelischen Qualen erlebt, lässt sich nur erahnen. „Ich möchte nicht ins Detail gehen“, sagt er wiederholt. Doch schon die betont nüchtern geschilderten Geschehnisse gehen unter die Haut.


Die eigenen Füße übersät von Rattenbissen

So trägt er vor, wie er als kleiner Junge seiner „ganz persönlichen Hölle entkommen“ will. Seine Füße übersät von Rattenbissen. Er denkt an Suizid, träumt von einem Leben ohne Hunger, Leid und Schläge, in dem er weder betteln noch stehlen muss, um zu überleben.

Er sieht keine Zukunft, steht am Abgrund zum Victoriasee und wendet sich an Gott: „Wenn es dich wirklich gibt, lass ein Wunder geschehen, sonst hat das Leben keinen Sinn mehr.“ Dieses Wunder erscheint in Form von Touristen aus Asien, die irritiert sind von dem Anblick und auf Englisch fragen, ob sie helfen können. Zitternd und heulend spürt er, wie er dem Tod von der Schippe springt.


Auf Müllhalden nach Essbarem gesucht

Der kleine Kenianer weiß, dass er als Straßenkind herzerweichende Lügengeschichten auftischen muss, um zu überleben. Das tut er, berichtet von weit entfernt wohnenden Verwandten, die er aufsuchen wolle als letzte Hoffnung. Nur fehle ihm dafür das Geld. Die Asiaten helfen aus, sodass er für drei Monate leben kann, ohne auf Müllhalden nach Essbarem suchen oder Kinderarbeit verrichten zu müssen.

Für ihn ein Wendepunkt, „weil ich meinem Leben eine Chance gab“. In diesem Moment stimmt Philip Oprong Spenner in „Steffens Gasthof“ in Ohrel ein afrikanisches Lied an. Gänsehaut pur. Sodann erzählt er kurz von seinem Buch „Move On Up - Ich kam aus dem Elend und lernte zu leben“. Das Erlebte niederzuschreiben habe ihm wohl geholfen, vieles zu verarbeiten. Anders als in Deutschland wachse man in Kenia nicht monolinguistisch auf, sondern beherrsche mehrere Sprachen, darunter Englisch. Das kommt ihm zugute.


Belastende Erinnerungen verdrängt er

Wie er früher hieß, darüber könne und wolle er nicht sprechen. Von seinen leiblichen Eltern wisse er kaum etwas. Er lebt seinerzeit in einem kenianische Dorf an der Grenze zu Uganda. „Viele Erinnerungen sind so belastend, dass ich sie verdrängt habe.“ Er kämpft um elementare Dinge wie Nahrung und Zuneigung. „Dass ich daran nicht verzweifelt bin, wundert mich noch heute.“

Er lernt, es kommt nicht auf die Größe des Kämpfers an, sondern auf sein Herz, die innere Stärke. Die aktiviert er wohl intuitiv, um körperliche und seelische Schmerzen auszuhalten. Anfangs lebt er bei seiner Tante. Die sieht er sehr zwiespältig. Positiv ist, er lernt zu lesen und das Lesen zu lieben. Damals ist das einzige kostenlose Buch die Bibel. Hier nimmt er von Hoffnung handelnde Geschichten in ausweglosen Situationen wahr.

enkind in Kenia zum Lehrer in Hamburg

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Anfangs im Stehen hängen die Landfrauen an den Lippen von Philip Prong Spenner, der aus seinem Leben als Straßenkind erzählt und von einem „Wunder“, das ihn damals vom Selbstmord abhielt.

Die Tante kratzt das Schulgeld für den Jungen zusammen: „Der Schulbesuch war das größte Geschenk, das sie mir gemacht hat.“ Noch heute sind Schulen ein heiliger Ort für ihn, sagt Philip Oprong Spenner. „Vielleicht bin ich deshalb Lehrer geworden.“

Doch bis dahin ist es ein steiniger Weg: Als die Tante das Schulgeld nicht mehr zahlen kann, führt für den Jungen der Weg „in die Hölle“. Die Tante bringt ihn nach Nairobi, lässt ihn dort zurück. Kaum zehn Jahre alt ist er, als sein Leben als eines der unzähligen Straßenkinder beginnt. Der Hunger ist ein ständiger Begleiter. „Wir haben so langsam gegessen, wie man es sich nicht vorstellen kann.“ Denn nach dem letzten Bissen dauert es manchmal drei Tage, bis es das nächste Mal Essbares gibt. „Wir waren das Letzte vom Letzten in der Gesellschaft.“ Dann singt er ein weiteres zu Herzen gehendes Lied.

Philip Oprong Spenner hat den Verein Kanduyi Children gegründet, der rund 500 sozial benachteiligte Kinder und Waisen unterstützt, um ihnen die Schulbildung in Kenia zu ermöglichen. Spenner ist Vorsitzender des Vereins. Denn sein persönliches Happy End trügt, sagt der gebürtige Afrikaner. Er repräsentiere nur einen verschwindend geringen Teil der Straßenkinder, die es geschafft haben. Er weiß: „Armut kann nur durch Bildung unterbrochen werden.“

Als er in einem Waisenheim landet, naht die Rettung: Er darf wieder zur Schule gehen, macht in Kenia seinen Abschluss. Ein Arzt aus Hamburg adoptiert ihn. So verlässt er erstmals den afrikanischen Kontinent, landet 2000 in Hamburg, ist anfangs völlig überfordert. Er lernt Deutsch, und zwar enorm gut, absolviert sein Studium mit Auszeichnung und ist heute Lehrer für Englisch, Sport und Philosophie. „Meine Geschichte zeigt: Bildung ist die nachhaltigste Form der Hilfe zur Selbsthilfe.“

Die Landfrauen spenden Applaus für den Redner. „Das war ein packender Einblick in ein Leben, wie es sonst niemand hier auf dem Saal erlebt hat“, sagt Katja Bredehöft, Vorsitzende der Selsinger Landfrauen, die den Kreislandfrauentag ausrichten. „Mit dieser Lebensgeschichte wird uns klar gemacht, wie wichtig es ist, sich nicht aufzugeben.“ Und sie appelliert: „Diese Geschichte sollte unseren Verstand wecken, uns klar machen, wie gut es uns hier in Europa, in Deutschland geht.“

Verein hilft

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